Olympiasieger und Weltmeister feiern mit: Die Ruderer vom Seeclub Rorschach hamstern Medaillen an Grossereignissen

Rolf Deubelbeiss rudert. Pro Jahr mindestens 1000 Kilometer. Gelegentlich säuft er dabei auch mal ab. Im Trockenen bereitet der Präsident des Seeclub Rorschach das 100-Jahr-Jubiläum vor.

Rudolf Hirtl
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Seeclub-Präsident Rolf Deubelbeiss bereitet sich auf eine Rudertour auf dem Bodensee vor.

Seeclub-Präsident Rolf Deubelbeiss bereitet sich auf eine Rudertour auf dem Bodensee vor.

Bild: Arthur Gamsa

Als Rolf Deubelbeiss im Alter von 16 Jahren anfing zu rudern, befuhren noch Raddampfer den Bodensee. Berücksichtigt man, dass der 74-Jährige pro Jahr mindestens 1000 Kilometer weit rudert, so dürfte er bis heute, Pausen wegen Militär und Ausbildung abgezogen, deutlich über 40000 Kilometer in Armen und Beinen haben. Er ist also bereits auf seiner zweiten Weltumrundung.

Bei so viel Leidenschaft und Ausdauer wundert es nicht, dass er seit elf Jahren als Präsident die Geschicke des Seeclubs Rorschach leitet. Dabei stehen nicht nur die ordentlichen Vereinsgeschäfte in seinem Fokus. Seit einem Jahr ist er mit seinem engagierten OK-Vorstand auch mit den Vorbereitungen der Jubiläumsfestivitäten beschäftigt. Am 18.August 2021 feiert der Seeclub Rorschach nämlich sein 100-jähriges Bestehen. Je nach Stand der Dinge um Corona mit einem mehr oder weniger rauschenden Fest.

An Grossereignissen Medaillen abgeräumt

Als offizieller Gründungstag gilt der 10. Januar 1921. Im Kino hat damals der Charles-Chaplin-Stummfilm «The Kid» seine Premiere, Albert Einstein erhält den Physik-Nobelpreis und eine 3-Zimmer-Wohnung in Rorschach kostet 45 Franken Miete im Monat. Das 100-Jahr-Jubiläum feiern werden kommendes Jahr 90 Vereinsmitglieder; davon sind gegen 30 Frauen.

Auf der Mitgliederliste des Clubs finden sich Weltmeister und Olympiamedaillengewinner. Den Beginn machte Michael Raduner 1978 in Kopenhagen, wo er im Leichtgewichtsvierer WM-Gold holte. Neben zahlreichen Schweizer Meistertiteln sorgten in der Folge Ueli Bodenmann, Beat Schwerzmann, Michael Gier und Markus Gier für weitere Titel (1995, Tampere) und Medaillen an Weltmeisterschaften sowie olympisches Gold (1996, Atlanta) und Silber 1988 in Seoul.

Für den Erfolg muss man an seine Grenzen gehen

Heute kämpft der Seeclub zwar nicht um Nachwuchs per se, aber um solchen, der jenen Biss hat, der die Medaillenerfolge in der Vergangenheit möglich gemacht hat. «Rudern ist ein herausfordernder Sport. Es braucht Einsatz, Disziplin und Stehvermögen. Nicht jeder oder jede ist bereit, so viel zu geben wie für sportliche Erfolge vonnöten ist», sagt Rolf Deubelbeiss.

Das Bootshaus in Goldach eröffnete der Seeclub im August 1927.

Das Bootshaus in Goldach eröffnete der Seeclub im August 1927.

Bild: Arthur Gamsa

Weltmeister und Olympiasieger rudern über 5000 Kilometer pro Jahr und betreiben daneben ein ausgedehntes Konditionstraining an Land zur Verbesserung ihrer Ausdauer und Beweglichkeit. Junge Leute seien heute kaum mehr bereit, ein derart zeitraubendes Training auf sich zu nehmen. Deubelbeiss, der immer noch jeden Montag in den Vierer steigt, sagt:

«Den Jungen fehlt es heute leider oft an der nötigen Härte.»

Vor allem internationale Erfolge liessen sich nur erreichen, wenn Sportler bereit seien, regelmässig an ihre eigenen Grenzen zu gehen.

Nicht nur der Körper, auch der Geist muss im Boot hellwach sein. «Jede Fahrt ist anders», sagt Deubelbeiss. Strudel, die Bugwellen der Kursschiffe – man müsse sich ständig konzentrieren. Vor wenigen Wochen wurden die Wellen zu hoch. Das Boot füllte sich mit Wasser. Dann gibt’s nur eines; an Land schwimmen, den Rumpf leeren und die Fahrt fortsetzen. «Das war nicht das erste Mal, dass wir abgesoffen sind. Und vermutlich auch nicht das letzte Mal», sagt er mit einem Schmunzeln, auch wenn die für den See ausgelegten Ruderboote viel verzeihen würden.

Das Märchen vom eigenen Bootshaus wird wahr

Deubelbeiss ist gertenschlank, wirkt fit wie ein Turnschuh. Rudern scheint jung zu halten. «Auf jeden Fall», so der ehemalige Oberstufenlehrer. «Wenn ich mir den einen oder anderen Gleichaltrigen anschaue, dann kann ich Rudern für die Fitness nur empfehlen.» Die Bewegungen würden jeden Muskel im Körper beanspruchen, wobei starke Rückenmuskeln auch gut für die Bandscheiben seien.

Und das Schönste beim Rudern? «Das ist bei meinem Sport die Kameradschaft. Wir haben eine tolle Stimmung und einen fairen Umgang miteinander im Verein. Es ist auch für Berufstätige ein hervorragender Ausgleich zum Arbeitsalltag.»

Früher musste der Seeclub Rorschach seine Ruderboote im Schuppen der ehemaligen Konservenfabrik oder in der «Flughalle» beim Strandbad einstellen. 1925 wurde dann das «Grimmsche» Märchen wahr, als das Clubmitglied Walter Grimm die Zustimmung seines Arbeitgebers bekam, auf dem Areal Seegartengut ein Bootshaus zu bauen. Die Einweihung war im August 1927.