Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

St.Gallen und Thurgau in der Ehekrise

Nächsten Mittwoch ist es so weit: Ein hochkarätig besetztes Podium mit Spitzenvertretern aus Wirtschaft und Politik stellt sich in Romanshorn der ewigen Frage, ob die Ostschweiz überhaupt existiert.
Stefan Schmid
Das latente Malaise zwischen den Kantonen - vor allem zwischen St.Gallen und Thurgau - scheint sich derzeit eher zu verstärken. (Bild: Ralph Ribi)

Das latente Malaise zwischen den Kantonen - vor allem zwischen St.Gallen und Thurgau - scheint sich derzeit eher zu verstärken. (Bild: Ralph Ribi)

Nächsten Mittwoch ist es so weit:Ein hochkarätig besetztes Podium mit Spitzenvertretern aus Wirtschaft und Politik stellt sich in Romanshorn der ewigen Frage, ob die Ostschweiz überhaupt existiert. Nicht schon wieder, mögen sich einige Normalbürger sagen. Das Thema langweilt da und dort, es geht uns gut, auch ohne ein wöchentliches Stossgebet auf die Heimat.

Anders sind die Befindlichkeiten in politischen und wirtschaftlichen Führungskreisen. Das latente Malaise zwischen den Kantonen – vor allem zwischen St.Gallen und dem Thurgau – scheint sich derzeit eher zu verstärken. Namentlich die St.Galler äussern sich hinter vorgehaltener Hand zusehends verbittert, wenn von den Nachbarn unten am See die Rede ist. «Verhinderer», «Provinzler», «Profiteure» sind unter anderem Ausdrücke, die der aufmerksame Zuhörer vernehmen kann. Sei es der Einsatz für eine Metropolitanregion Ostschweiz, seien es die Fachhochschulen, die unter einem Dach vereint werden sollen, sei es ein gemeinsames strategisches Vorgehen in Bundesbern: Der tägliche Austausch mit den Thurgauern sei obermühsam. Wenn St.Gallen in politischen Fragen die Führung übernehme, komme sofort der Imperialismus-Vorwurf. Tue der Kanton hingegen nichts, passiere auch nichts. Ein klassisches Dilemma.

Ganz anders ist die Gefühlslage in Mostindien. Das Schlagwort Ostschweiz, so heisst es dort, sei für die St. Galler nur ein Tarnname für die Fortsetzung st.gallischer Politik mit anderen Mitteln. Die Thurgauer würden als nützliche Gehilfen instrumentalisiert, um eine Politik der Grösse zu zelebrieren. Im Unterschied zu den St.Gallern sei man gerade im westlichen Thurgau wirtschaftlich und kulturell halt viel stärker Richtung Winterthur und Zürich orientiert. Die politische Führung in Frauenfeld laviere deshalb zu Recht hin und her. Mal macht man gemeinsame Sache mit den St.Gallern, mal spannt man mit Zürich zusammen.

Gedeihlichen bilateralen Beziehungen gewiss auch im Weg stehen die doch sehr unterschiedlichen historischen Befindlichkeiten. Die Thurgauer sind als jahrhundertelange gemeine Herrschaft der Eidgenossen daran gewöhnt, sich eher klein zu machen, mithin agil anzupassen. Die Stadtsanktgaller hingegen boten dem klösterlichen Klerus Paroli und begegneten als florierende Handelsstadt den Eidgenossen als zugewandter Ort auf Augenhöhe. Zur delikaten Gemengelage tragen zusätzlich die beiden Appenzell bei, die sich trotz ihrer Kleinheit auch 2017 noch daran ergötzen, möglichst die Unterschiede zu betonen. Die Ostschweiz – ein Phantom? Vielleicht halt doch.

Wie weiter? Die Ostschweiz als politisch und wirtschaftlich einheitlich agierender Raum bleibt wohl bis auf weiteres Flickwerk. Mal klappt’s, dann wieder nicht. Geduld und diplomatisches Fingerspitzengefühl sind die zentralen Ingredienzen für Politiker, die reüssieren wollen. Die St.Galler sind hingegen gut beraten, das gegenwärtig zelebrierte Thurgau-Bashing gelegentlich zurückzufahren. Es gibt im eigenen Kanton genug Hausaufgaben, um die viel zitierte «Ostschweiz» zu stärken. Für den heterogenen Staat wäre es beispielsweise ein grosser, aber dringend nötiger Wurf, endlich eine bewusste Politik zur Stärkung der Zentren zu implementieren. Die Achse unteres Rheintal-Rorschach-St.Gallen-Wil muss auf allen Ebenen gestärkt werden – wenn nötig auch zu Lasten der übrigen Regionen. Es ist ein weltweites Phänomen: Treiber der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung sind immer urbane Zentren. Nur die nötige Dichte bietet genug Humus für Kreativität und Innovation, die letztlich allen Bürgern, auch jenen im Weisstannental und im Toggenburg, zugute kommen. Es wäre zu einfach, sich nur über die schlangenhaften Thurgauer zu ärgern. Solange der Kanton in abgelegenen Tälern kunstvolle und sündhaft teure Brücken baut, stimmt in der eigenen politischen Prioritätensetzung grundsätzlich etwas nicht.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.