Für Privatpatienten wird es teuer — St.Galler Spitäler streiten mit Krankenkassen über Tarife

Drei St.Galler Spitalverbunde sind sich mit einem grossen Krankenversicherer uneins über die Tarife. Die Verhandlungen sind gescheitert. Zusatzversicherte kann dies ab August teuer zu stehen kommen.

Regula Weik
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(Illustration: Tom Werner)

(Illustration: Tom Werner)

Markus Brühwiler zieht einen Brief der Spitalregion Fürstenland Toggenburg aus seinem Briefkasten. Was er dann liest, schreckt den ehemaligen Kantonsrat aus Oberbüren auf. Da verkündet ihm doch der CEO der Spitalregion, dass er «im Ernstfall besser auf eine Behandlung am Spital Wattwil oder Wil verzichte». Brühwiler reibt sich die Augen. Verjagt da die Spitalspitze Patientinnen und Patienten? Ganz so ist es nicht. Dennoch: Das ungewohnte Vorgehen der Spitalleitung schreit nach einer Erklärung. Diese findet Brühwiler denn auch im Schreiben.

Die Helsana Zusatzversicherungen AG habe den Vertrag mit der Spitalregion Fürstenland Toggenburg gekündigt. Die Tarifverhandlungen seien gescheitert. Davon betroffen seien halbprivat- und privatversicherte Patienten. Es werde ihnen deshalb empfohlen, vor einem Spitalaufenthalt wenn möglich mit der Versicherung zu klären, «ob und in welchen Umfang die Kosten rückvergütet werden».
Was steckt hinter dem Streit zwischen den beiden Spitälern und dem Krankenversicherer? Müssen ihre Privatpatienten befürchten, Tausende von Franken für ihre Behandlungen selber tragen zu müssen?

«Darauf konnten wir uns nicht einlassen»

René Fiechter, CEO der Spitalregion Fürstenland Toggenburg

René Fiechter, CEO der Spitalregion Fürstenland Toggenburg

«Wir konnten auf gewisse Forderungen der Helsana nicht eingehen», erklärt René Fiechter, CEO der Spitalregion Fürstenland Toggenburg, auf Anfrage. Die beiden Spitäler hätten ihre Leistungen zu günstigeren Tarifen erbringen müssen. Darauf hätten sie sich nicht einlassen können. «Unsere Preise sind marktgerecht. Wir haben sie trotz allgemein steigender Kosten im Gesundheitswesen in diesem Segment seit Jahren nicht erhöht.» Dazu, wie weit die Tarifvorstellungen von Krankenversicherer und Spitalregion auseinanderliegen, will sich Fiechter nicht äussern.

«Wir können nicht sämtliche Preisforderungen akzeptieren», sagt Dragana Glavic, Mediensprecherin der Helsana. Und ja, man habe sich «preislich nicht einigen können». Sie widerspricht denn auch dem CEO der Spitalregion Fürstenland Toggenburg: Von marktgerechten Preisen könne keine Rede sein. «Helsana sieht in ihren Daten sowie aufgrund der bestehenden Verträge mit anderen Spitälern, dass die Preise für die freie Arztwahl in diesem Fall keineswegs marktgerecht sind.» Arzthonorare müssten dem marktüblichen Preisniveau entsprechen, «was wir in diesen Fällen als nicht gegeben er­achten».

Kasse empfiehlt Patienten, auf andere Spitäler auszuweichen

Spürbar werden die Folgen des vertragslosen Zustands ab August. Dann setzt die Helsana die Spitalregion Fürstenland Toggenburg auf ihre Negativliste. Muss, wer halbprivat oder privat versichert ist, ab nächster Woche seinen Beinbruch oder Blinddarm also selber bezahlen, wenn er sich am Spital Wattwil oder Wil behandeln lässt? «Das hängt davon ab, inwiefern die Helsana die Kosten ihrer Kundinnen und Kunden vergütet», sagt Fiechter. Jedenfalls würden die Leistungen des Spitals «bis auf weiteres» nicht mehr direkt von der Krankenkasse beglichen.
Deshalb flattern ab August die Rechnungen des Spitals direkt bei den Patienten in den Briefkasten. Nicht nur das: Sie müssen sie auch begleichen – und anschliessend mit der Kranken­kasse die Rückvergütung der Kosten klären.

Dragana Glavic, Mediensprecherin der Helsana

Dragana Glavic, Mediensprecherin der Helsana

Lässt die Helsana ihre Kundinnen und Kunden mit dieser Ungewissheit nun einfach allein? Mediensprecherin Glavic: «Diejenigen Zusatzversicherten, bei denen ein Spitaleintritt bevorsteht, werden persönlich kontaktiert, informiert und beraten. Dabei zeigen wir ihnen auch Alternativen auf.» So könnten ihre Versicherten auch andere Spitäler aufsuchen, etwa das Kantonsspital St. Gallen, das Kantonsspital Graubünden oder jene des Spitalverbunds Appenzell Ausserrhoden. «Dort und in andern Spitälern garantieren wir die vollumfängliche Deckung der Mehrkosten halbprivater oder privater Abteilungen.»

Befürchtet CEO, Privatpatienten zu verlieren?

Wie hoch ist der Anteil Privatversicherter in den Spitälern Wattwil und Wil? «Gut 13 Prozent», sagt Fiechter. Doch, so der CEO, es seien längst nicht alle Zusatzversicherten vom vertragslosen Zustand betroffen – «über 87 Prozent sind nicht tangiert, denn mit den übrigen Krankenversicherungen haben wir gültige Verträge». Ambulante Patienten und Allgemeinversicherte, auch wenn sie stationär aufgenommen werden, sind nicht betroffen.

Dennoch: Die Helsana hat in den Verhandlungen sechs Kassen vertreten, nämlich Helsana Versicherungen AG, Progrès Versicherungen AG, Helsana Unfall AG, KLuG Krankenversicherung, Krankenkasse Stoffel Mels und Agrisano Versicherungen AG. Fürchtet Fiechter, durch den aktuellen Tarifstreit Halbprivat- und Privatpatienten zu verlieren? «Wenige.» Unumwunden sagt er aber: «Sollten wir nicht doch noch zu einer Einigung kommen, würde sich dies finanziell bemerkbar machen.» Daran kann die Spitalregion kein Inter­esse haben, bekanntlich ist ihre Finanzlage alarmierend. Erst im Mai beschloss der Spitalverwaltungsrat, dass ab November in Wattwil nicht mehr operiert wird.

Die Mehrheit der Spitäler ist in vertragslosem Zustand

Inzwischen zeigt sich: Vom Tarifstreit sind weitere Spitäler im Kanton betroffen. So schreibt ein Privatversicherter aus Sevelen: Er habe da so einen Brief des hiesigen Spitalchefs erhalten. Die Nachfrage bei Glavic zeigt: Auch mit der Spitalregion Rheintal Werdenberg Sarganserland und mit dem Spital Linth konnte sich die Helsana nicht einigen – aus denselben preislichen Gründen. «Wir sind jedoch zuversichtlich, dass wir zeitnah mit den drei Spitalregionen eine Lösung finden.»

Auch CEO Fiechter hofft, dass «in den nächsten Monaten» eine Lösung gefunden werden kann. «Unsererseits sind jederzeit alle Gesprächskanäle offen.» Steht er mit den andern Spitalregionen im Austausch? Die Vertragsverhandlungen würden «aus Effizienzgründen» koordiniert und gemeinsam geführt, sagt Fiechter. Der Entscheid, ob ein Vertrag abgeschlossen wird oder nicht, liege aber «alleine im Ermessen der einzelnen Spitalregion».