ST.GALLEN: St.Galler Museum gibt Nazi-Raubkunst zurück

Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen übergibt am Montag zwei silberne Pokale aus dem 17. Jahrhundert ihren rechtmässigen Besitzern: den Erben der jüdischen Kunstsammlerin Emma Budge.

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Raubkunst im St.Galler Museum: Die beiden silbernen Pokale sind als Schiffe gestaltet. Sie wurden um 1630 von Georg Müller in Nürnberg gefertigt. Der Schiffsrumpf ist mit mächtigen Meeresungeheuern verziert.

Raubkunst im St.Galler Museum: Die beiden silbernen Pokale sind als Schiffe gestaltet. Sie wurden um 1630 von Georg Müller in Nürnberg gefertigt. Der Schiffsrumpf ist mit mächtigen Meeresungeheuern verziert.

Die beiden silbernen Segelschiffe waren Teil der "Sammlung Züst", eine Sammlung von Silberstücken, die das Historische und Völkerkundemuseum (HMV) 1967 von Transportunternehmer Giovanni Züst (1887–1976) geschenkt erhalten hatte. Dies teilt das Historische und Völkerkundemuseum in einer Medienmitteilung mit. Nachforschungen nach der Herkunft der Einzelstücke hätten ergeben, dass es sich bei den beiden Pokalen um NS-Raubkunst handle. Um das herauszufinden, hatte das Museum beim Bundesamt für Kultur (BAK) Geld für Provenienzforschung beantragt. Das HMV habe sich aus freien Stücken bei den Erbberechtigten gemeldet.

Wann und wo Giovanni Züst, Unternehmer mit baslerisch-appenzellischen Wurzeln, diese Pokale erworben habe, sei bis heute unklar. Aus einer Dokumentation des Sammlers gehe aber hervor, dass die beiden Pokale Emma Budge (1852-1937) gehörten. Budge war eine jüdische Kunstsammlerin in Hamburg. Ihre Sammlung umfasste rund

Kunstsammlerin Emma Budge.

Kunstsammlerin Emma Budge.

2000 Objekte: Möbel, Textilien, Skulpturen, Goldschmiedekunst, Gemälde, Porzellan, Fayencen, Fächer. Mitte der 1930er-Jahre wurde ihr Wert auf rund 1 Mio. Reichsmark geschätzt. Die Provenienz „Budge“ gelte bis heute als Qualitätsmerkmal – in der Fachliteratur wie im Kunsthandel, heisst es in der Mitteilung weiter.

Sammlung von Nazis konfisziert

1937 sei die Sammlung Emma Budge versteigert worden. Dies gehe unter anderem aus dem 1969 erschienen Katalog zur "Silbersammlung Züst" hervor. Recherchen hätten ergeben, dass der Erlös der Versteigerung 1937 auf ein staatlich kontrolliertes Sperrkonto geflossen sei, teilt das Museum mit. Weil die berechtigten Erben nicht über den Erlös aus der Versteigerung hätten verfügen können, käme dieser Schritt einer Konfiskation gleich. Die Recherchen wurden in Zusammenarbeit mit dem Vertreter des 2007 eingesetzten Testamentsvollstreckers der Erbengemeinschaft Emma Budge durchgeführt.

Seit 2010 mit Aufarbeitung der Herkunft beschäftigt

Das Historische und Völkerkundemuseum arbeitet seit 2010 die Herkunft seiner Exponate auf. Das Ausstellungsprojekt "Giovanni Züst" sei Anlass gewesen, auch die Historische Sammlung aufzuarbeiten. Auch drei andere Objekte haben eine interessante Geschichte. Zwei gehörten zur Silbersammlung von Alfred Pringsheim, dem Schwiegervater des Schriftstellers Thomas Mann. Gemäss Mitteilung des Museums wurde die Sammlung 1938 von der Gestapo beschlagnahmt, 1946 aber den rechtmässigen Besitzern ihren Nachkommen zurückgegeben. Diese gaben die beiden Objekte dann in den Handel. Ein drittes Objekt konnte von den jüdischen Besitzern, der Familie Ullmann in Frankfurt, 1938 nach London in Sicherheit gebracht werden und wurde 1960 regulär verkauft.

Bei der Rückgabe der beiden Pokale an die Erben von Emma Budge stützt sich die Stiftung Historisches und Völkerkundemuseum auf die Washingtoner Richtlinien für NS-Raubkunst aus dem Jahre 1998. Der Erwerb der beiden Schiffspokale falle in den Anwendungsbereich dieser Richtlinien, den "Washington Conference Principles on Nazi-Confiscated Art", an deren Ausarbeitung und Verabschiedung die Schweiz zusammen mit 43 weiteren Staaten aktiv mitgewirkt habe. Diese im Bereich der NS-Raubkunst international wegweisenden Richtlinien fordern faire Lösungen für die von den Nationalsozialisten konfiszierten Kunstwerke. (al/sda)