ST.GALLEN: Grabscher schlägt zweimal zu

Ein 62-jähriger Mann will eine junge Frau vor sexueller Belästigung schützen. Seine Zivilcourage trägt ihm zwei Schläge ins Gesicht, Schürfungen an der Nase und eine kaputte Brille ein.

Daniel Walt
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Aggressive Menschen sind auch in den St.Galler Bussen zu finden. (Bild: Urs Jaudas (Symbolbild))

Aggressive Menschen sind auch in den St.Galler Bussen zu finden. (Bild: Urs Jaudas (Symbolbild))

Nein, er bereut nichts. Er bereut nicht, sich eingemischt zu haben. Einen Angetrunkenen aufgefordert zu haben, einen Teenager endlich in Ruhe zu lassen. "Ich würde es wieder gleich machen", sagt der 62-jährige, in St.Gallen wohnhafte Mann.

"Er war äusserst aggressiv"

Am vergangenen Freitag um 7 Uhr nahm der Mann am Oberen Graben einen Bus der Linie 4 in Richtung Guggeien. Am Marktplatz stieg eine Gruppe Junger zu – zwei Männer und drei bis vier Frauen. Ein Blick auf die Leute genügte dem Mann, um festzustellen, dass sie reichlich gebechert hatten. Einer von ihnen – er hatte schon von draussen mit der Faust gegen ein Busfenster gehämmert – sei äusserst aggressiv gewesen, berichtet der St.Galler.

Kurze Zeit später umarmte dieser junge Mann dann unversehens von hinten eine 17-jährige Schülerin, die beim Ticketautomaten stand. "Zunächst war mir nicht klar, ob sich die beiden vielleicht sogar kennen", berichtet der St.Galler. In der Folge griff der Angetrunkene der jungen Frau zwischen die Beine. Kurze Zeit später stellte er sich hinter die Frau, legte ihr den Arm über die Schulter und betatschte sie am Oberkörper.

Zu sehr Angst gehabt

Die junge Frau wehrte sich nicht gross gegen die Berührungen des Mannes – "später sagte sie mir, sie habe viel zu sehr Angst gehabt, weil er so aggressiv gewesen sei", berichtet der 62-Jährige. Dem St.Galler wurde trotzdem rasch klar: Er wurde Zeuge einer sexuellen Belästigung. Er trat zum Mann und sagte ihm, er solle die junge Frau in Ruhe lassen. Dann ging alles sehr schnell: Der Angetrunkene drehte sich zu ihm um und schlug ihm zweimal mit der flachen Hand ins Gesicht. Die Brille des 62-Jährigen fiel dabei zu Boden und ging zu Bruch. Er selbst trug Schürfungen an der Nase sowie einen kleineren Schock davon.

Lob für den Chauffeur

Kurz nach dem Angriff auf den Mann – der Bus befand sich mittlerweile an der Haltestelle Krontal – stieg die Gruppe mit dem Aggressor aus dem Bus aus. Der Angreifer trat von aussen noch gegen zwei Bustüren und beschädigte diese. "Der Chauffeur seinerseits reagierte toll – er verriegelte die Türen, fuhr ein paar Meter weiter und informierte die Passagiere per Durchsage, die Polizei sei bereits unterwegs", berichtet der St.Galler, der sich im Anschluss einer Kontrolle im Notfall unterzog.

"Vielleicht wäre es noch mehr eskaliert"

"Ich habe wieder einmal feststellen müssen, welch schlimmen Einfluss übermässiger Alkoholkonsum auf Menschen haben kann", sagt der 62-jährige St.Galler rückblickend. Er sei viel mit dem Bus und in der Stadt unterwegs - insbesondere in der Region rund um den Marktplatz herum gebe es viele Aggressionen, deren Auslöser Alkohol sei. Dass im gut besetzten Bus niemand anders versucht hat, den Teenager vor den Belästigungen zu schützen, kann er verstehen: "Der junge Mann wirkte unglaublich aggressiv. Vielleicht wäre die Situation noch mehr eskaliert, wenn sich auch noch andere Leute eingemischt hätten", hält er fest. Ihm habe die verschüchterte junge Frau einfach leid getan, sagt er. Nein, er bereut nichts.

Ermittlungen auf gutem Weg

Gian Andrea Rezzoli, Sprecher der St.Galler Kantonspolizei, bestätigt, dass der im Bus geschlagene Mann eine Anzeige eingereicht hat. "Eine zweite der jungen Frau wegen Belästigung wird mit ziemlicher Sicherheit folgen", sagt er. Vom Vorfall gibt es Bilder einer Überwachungskamera im Bus. Sie haben dazu beigetragen, dass die Polizei mittlerweile konkrete Hinweise zum Täter hat, wobei die Ermittlungen laut Rezzoli noch nicht abgeschlossen sind. Generell hält Rezzoli fest, die Polizei habe häufig mit Vorfällen zu tun, die auf Aggressivität nach Alkoholkonsum zurückzuführen seien.

"Schockierend, was heutzutage alles passiert", sagt Ralf Eigenmann, Unternehmensleiter der St.Galler Verkehrsbetriebe (VBSG). Besonders bedauert er, dass sich viele Menschen von aggressiven Personen einschüchtern lassen, anstatt wie der 62-jährige Mann einzuschreiten. "Ich ziehe meinen Hut vor ihm", sagt Eigenmann. Er lobt auch das Verhalten des Chauffeurs: Dieser alarmierte zunächst via Einsatzzentrale die Polizei. Nachdem der Angreifer mit seinen Kollegen ausgestiegen war, verriegelte der Chauffeur die Bustüren und fuhr einige Meter weiter. Der Sachschaden, den der Mann mit seinen Tritten gegen zwei Bustüren angerichtet hat, beläuft sich laut Eigenmann auf mehrere hundert Franken. (dwa)

Lesen Sie unter diesem Link den Artikel aus der "Ostschweiz am Sonntag" über Zivilcourage und Risiken, die damit einhergehen, nochmals nach.