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ZYKLUS: «Wir wollen verkörperte Führung»

Der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler hat auf Einladung des Liberalen Forums St. Gallen im Tröckneturm zur Frage referiert: «Wozu noch Elite?»
Urs Bader
Ludwig Hasler erläutert auf unterhaltsame Art, was gelungene Führung ausmacht. (Bild: Benjamin Manser)

Ludwig Hasler erläutert auf unterhaltsame Art, was gelungene Führung ausmacht. (Bild: Benjamin Manser)

Urs Bader

urs.bader

@tagblatt.ch

Die wirtschaftlichen und politischen Eliten sind in vielen Ländern unter Druck geraten. Ihre Legitimation wird in Zweifel gezogen. Krassester Ausdruck des globalen Phänomens ist die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten. Das Liberale Forum St. Gallen hat zum Thema «Eliten» einen Veranstaltungszyklus organisiert. In dessen Rahmen referierte im Tröckneturm beim Burgweiher der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler, lange Jahre stellvertretender Chefredaktor dieser Zeitung. Forums-Präsident Hans Jörg Schmid hiess ihn willkommen unter anderem mit einem Zitat aus der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit», wo Hasler einmal als «wohl erfolgreichster Vortragsreisender der Schweiz» bezeichnet wurde. Titel seines Referats: «Wozu noch Elite? Laien machen längst Karriere, Leader bloss noch ihren Job». Hasler begrüsste unter der grossen Zuhörerschaft die «St. Galler Elite» – unter ihr waren immerhin drei Regierungsräte.

Der Aufstieg der Laien, der Fall der alten Eliten

Entlang der Begriffe Laien und Eliten, zwischen denen heute «ein Klima der Gereiztheit» herrsche, machte Hasler einen geistreichen und rhetorisch wie immer unterhaltsamen Gang durch die europäische Kulturgeschichte. Er ging aus von der Dreiklassengesellschaft des Mittelalters: unten das rechtlose Fussvolk, die Laien; in der Mitte die politische Elite, Auserwählte, die nicht durch Leistung legitimiert waren; oben der Klerus, der die Elite der göttlichen, metaphysischen Legitimation versicherte. Das Projekt der Moderne sei es gewesen, das, was Eliten zu tun haben, Klassen oder Cliquen aus der Hand zu nehmen, ihr Pensum der Rationalität auszusetzen, also Argumenten.

Dabei ging es einerseits um die Emanzipation des Laien, die zu Mündigkeit führen sollte, anderseits um die Entmachtung der Elite. Der Laie sollte ermutigt werden selber zu denken. Hasler verwies auf den Philosophen Immanuel Kant und dessen «sapere aude»: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!» So begann die Karriere des Laien, die im sich ausbildenden Kapitalismus auch ihre ökonomische Basis fand. Und sie vollendete sich in der Bildung. Heute ist die Gesellschaft angewiesen auf die Kompetenz dieser Laien – oder Fachkräfte. Gleichzeitig entstand im 18. Jahrhundert Öffentlichkeit, ein «Forum für einen Markt der Meinungen». Hier wurde die Elite abgeklopft auf Legitimität – mit der Tendenz, die Elite mit Argumenten auszuhebeln. Entmachtet, fand sie sich in der «metaphysischen Obdach­losigkeit».

Und jetzt? Hasler spricht von der neuen Elite als von einer Funktionselite, die «nach der Eigensinnslogik der Branche» arbeite. «Die Professionalisierung der Elite», die nicht mehr das Ganze, auch nicht mehr das Normative im Auge habe, äussere sich in der Formulierung: «Meinen Job machen». Der Laie anderseits büsse ein, was ihn ausgemacht habe: Lebenserfahrung, Lebensklugheit. Grund: Verschulung. Da gehe es nur noch um Modelle von der Wirklichkeit, nicht mehr um diese selbst. Der Laie hebe vom Leben ab, wie einst die alten Eliten.

Die Bedeutung der Person wird unterschätzt

Hasler sagt: «Wir wollen verkörperte Führung.» Und das soll heissen: Ob Führung gelinge, hänge weniger von Kompetenzen und Strukturen ab als vielmehr von der Person und deren Leidenschaft, Lebensklugheit, Mut und der Bereitschaft zu handeln. So verstanden, werde die Bedeutung von Personen unterschätzt, von Führung, von Elite. Hasler verwies auf das Beispiel der Digitalisierung unserer Lebenswelt, bei der wir führungslos unterwegs seien. Es drohe die «Herrschaft der Algorithmen». Hier brauche es Führung, die den Ernst der Lage erkenne.

Das Führungspersonal in der Schweiz werde besonders herausgefordert, durch die Milizidee und das politische System. Und durch die gesellschaftliche Verfasstheit: «In der Schweiz ist die Führung handicapiert», sagt Ludwig Has­ler, «wir wollen alles, nur nichts Neues. Am liebsten hätten wir eine Fristerstreckung für die Ge­genwart.» Für das, was Führung ausmacht, gibt es aber gleichwohl keinen helvetischen Sonderfall.

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