Zwischen Pflicht und Neigung

Susi Haury-Eugster hat beides erlebt: Erst den Ruf der Pflicht, dann die Freiheit, ihrer Neigung zu folgen. Am 10. August ist sie mit 79 Jahren gestorben.

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In St. Gallen wurde Susi Haury-Eugster in zwei ganz unterschiedlichen Rollen bekannt. In den 1960er-Jahren als Leiterin eines grossen Konfektionsbetriebs, zwanzig Jahre später als Präsidentin der Evangelischen Kirchgemeinde Straubenzell. Beide Aufgaben hat sie mit dem gleichen Engagement wahrgenommen, auch wenn sie bei der einen der Pflicht, bei der andern der Neigung folgte.

Entscheidungen alleine treffen

Zur Leiterin der Konfektionsfabrik Haury & Co. AG in St. Gallen wurde sie durch einen Schicksalsschlag. Wenige Jahre nach ihrer Heirat, die gemeinsame Tochter Susanne war erst gerade eineinhalb Jahre alt, starb ihr Mann nach einem Hirnschlag. Susi Haury war damals erst 29 und stand nun vor der schweren Entscheidung, wie es mit dem Unternehmen und den 200 Arbeitsplätzen weitergehen sollte. Sie sah es als ihre Pflicht, den Betrieb im Sinne ihres Mannes weiterzuführen. Hatten sie vorher die grossen Linien in Kreation und Produktion miteinander besprochen, musste sie jetzt die letzten Entscheidungen allein treffen, allein nach Paris fahren, um die neuen Trends zu erspüren.

Nach acht Jahren unermüdlicher Arbeit traf die Kaufofferte eines deutschen Strickwarenherstellers ein. Das war ein Angebot, das Susi Haury nicht ausschlagen wollte.

Dienst in der Kirchgemeinde

Nun hatte sie Zeit, sich vermehrt um ihre heranwachsende Tochter zu kümmern. Nun konnte sie auch jenen Neigungen folgen, denen sie bisher nicht nachgehen konnte. Namentlich war es die Musik, die zu ihrem Lebensinhalt wurde; eine Liebe, die sie auch mit ihrem Mann verbunden hatte. Sie besuchte das evangelische Kirchenmusik-Seminar und liess sich zur Organistin ausbilden. Das Spielen bei den Sonntagsgottesdiensten, bei Hochzeiten und Trauerfeiern wurde für sie zum wichtigen Lebensinhalt. Als später, durch eine Krankheit bedingt, die Finger nicht mehr so richtig wollten, lebte sie die Verbindung zur Kirche in anderer Form. Als Präsidentin führte sie die Evangelische Kirchgemeinde Straubenzell durch bewegte Jahre, in denen die Mittel bereits knapp zu werden begannen.

Bildungsdurst

Als Unternehmerin und Kirchgemeindepräsidentin konnte Susi Haury ihr schulisches Rüstzeug und ihren Erfahrungsschatz gebrauchen, den sie in jungen Jahren erworben hatte. Geboren am 19. Oktober 1933 ist sie an der Goliathgasse aufgewachsen, wo ihre Eltern, Fanny und Curt Eugster, das Restaurant Traube führten, dem damals noch eine Metzgerei angeschlossen war.

Ihr Wunsch, das Gymnasium zu besuchen, ging zwar nicht in Erfüllung, dafür holte sie sich im Talhof jenen Schatz an Allgemeinbildung und merkantilem Wissen, auf den sie später immer wieder zurückgreifen konnte. Nach Sprachaufenthalten in London und Neuenburg trat sie, angestellt durch ihren späteren Schwiegervater, in die Firma Haury und Co. AG ein. (J. O.)