Zwischen Freude und Perfektion

Lukas Gautschi will an der morgen beginnenden Schweizer Meisterschaft im Feld- und Jagdschiessen in St. Gallen seinen Titel verteidigen. Zufrieden ist der Bogenschütze jedoch erst, wenn er den perfekten Schuss abgegeben hat.

Raya Badraun
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Lukas Gautschi tritt an der Schweizer Meisterschaft mit dem Bogen Compound an. (Bild: Luca Linder)

Lukas Gautschi tritt an der Schweizer Meisterschaft mit dem Bogen Compound an. (Bild: Luca Linder)

BOGENSCHIESSEN. «Es schiesst», nennen es die Bogenschützen, wenn bei einem Schuss alles zusammenspielt. Lukas Gautschi sucht diese Vollkommenheit. Dem 32jährigen Flawiler ist jedoch bewusst, wie schwierig es ist, einen solchen Pfeil abzugeben. Vor allem dann, wenn man sich mit seinen Leistungen nicht gerne zufrieden gibt. Als extrem selbstkritisch bezeichnet er sich gar. Wohl aus diesem Grund sind seine perfekten Schüsse noch immer überschaubar. Etwa 15 solcher hat er in den vergangenen zehn Jahren abgegeben. Das ist extrem wenig, wenn man bedenkt, dass er pro Woche etwa 1000mal auf die Zielscheibe schiesst. «Wenn der Ablauf nicht perfekt ist, dann bin ich auch nicht zufrieden», sagt Gautschi. Auch dann nicht, wenn er gerade Schweizer- oder gar Europameister geworden ist. «Deshalb werde ich nach einem Turnier von vielen gar nicht mehr gefragt, ob ich mit meiner Leistung zufrieden bin», so der Bogenschütze und lacht.

Als Ausgleich zum Beruf

Zu Beginn seiner Karriere stand noch nicht die Perfektion im Vordergrund. Mit 22 Jahren besuchte er bei den Ostschweizer Bogenschützen St. Gallen einen Schnupperkurs. Im Sport suchte er einen Ausgleich zu seinem stressigen Job als Aussendienstmitarbeiter. «Ich wollte abschalten und meinen Geist erholen», sagt Gautschi. Doch dabei blieb es nicht. Von Anfang an trainierte der Flawiler fleissig und erzielte nach wenigen Jahren bereits ansehnliche Resultate. 2009 wurde er gar Mitglied im Nationalkader – lange blieb er es jedoch nicht. «Die Belastung war einfach zu gross», sagt Gautschi. Noch heute trainiert er vor grösseren Turnieren fünf- bis sechsmal pro Woche je drei bis vier Stunden. Als Kaderathlet musste er jedoch zusätzlich an Trainingslagern teilnehmen. «Das beisst sich mit dem Privatleben», so Gautschi. Im Beruf wollte er hingegen nicht reduzieren. «Man gewöhnt sich an einen gewissen Lebensstandard», sagt der Bogenschütze, der heute in der Glasbearbeitung tätig ist. Plötzlich auf etwas verzichten zu müssen, ist deshalb nicht einfach. Zudem musste er auch als Kaderathlet die Reisen und Hotelunterkünfte selbst bezahlen. Bei 15 bis 20 Turnieren pro Jahr geht das ins Geld. Als er merkte, dass er die Freude am Sport verlor, dass es ein Müssen wurde, zog er einen Schlussstrich und trat aus dem Kader zurück.

Ganz bewusst entschied sich Gautschi damals auch für einen Kategorienwechsel. «Ich musste den Kopf lüften», sagt der Bogenschütze. Da er das Handwerk auf dem Olympischen Recurve gelernt hatte, fiel ihm der Wechsel leicht. Denn dieser ist näher am ursprünglichen Bogen und ist deshalb schwieriger in der Bedienung. Beim Compound, den er heute verwendet, wird die Handhabung hingegen durch technische Hilfsmittel wie ein Visier vereinfacht. Dementsprechend grösser ist auch die Leistungsdichte an der Spitze. Dennoch setzte sich Gautschi mit dem Compound durch und wurde vor einem Jahr im Jagd- und Feldbogenschiessen nicht nur Schweizer, sondern auch Europameister.

Grösster Konkurrent fehlt

Seinen Titel will Gautschi dieses Wochenende an den Schweizer Meisterschaften in St. Gallen verteidigen. Einfach wird das jedoch nicht, auch wenn er den Parcours mitgeplant und aufgebaut hat. «Das ist kein Vorteil», sagt Gautschi. «Denn auf die äusseren Bedingungen wie Wetter oder Lichteinfall kann auch ich mich nicht vorbereiten.» Zudem liegen die Spitzenathleten sehr nahe beieinander. Das zeigt den geringen Vorsprung, mit dem Gautschi in Oberhof vor einem Jahr Schweizer Meister wurde. Bei 1078 Punkten distanzierte er damals den zweitplazierten Martin Spring lediglich um vier Zähler. Dieser wird in diesem Jahr fehlen, dafür fordern andere den Titelverteidiger heraus. Gautschis Vorteil ist jedoch seine mentale Stärke. «Ich bin ein Wettkampfschütze», sagt er. Wenn alles klappt, ist vielleicht gar der 16. perfekte Schuss möglich – und ein zufriedener Gautschi.

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