Zwischen die Fronten geraten

Um nach Jerusalem zu pilgern, gab Hildegard Aepli ihre Arbeit und Wohnung auf. Während sieben Monaten lebte sie in Ungewissheit, durchwanderte Kriegsgebiete und stiess immer wieder an ihre persönlichen Grenzen.

Angelina Donati
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Hildegard Aepli in ihrem Büro am Klosterhof. Nach der Pilgerreise zog sie von Freiburg nach St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Hildegard Aepli in ihrem Büro am Klosterhof. Nach der Pilgerreise zog sie von Freiburg nach St. Gallen. (Bild: Urs Bucher)

Wer hat schon die Möglichkeit, dem Alltag für sieben Monate den Rücken zu kehren und sich auf eine Pilgerreise nach Jerusalem zu begeben? Als Hildegard Aepli von ihrem Kollegen Christian Rutishauser angefragt wurde, ihn zu begleiten, sagte sie spontan zu. Schnell war für sie klar, dass sie dafür ihre Arbeitsstelle als Hausleiterin und geistige Begleiterin im Salesianum in Freiburg kündigen musste. Auch ihr Zuhause löste sie damals, vor vier Jahren, auf. Ihren Schritt hat die 52-Jährige nie bereut. Und das, obwohl sie und ihre drei Begleiter auf 4300 Kilometern manche physische und psychische Hürden bewältigen mussten.

Taxifahrt als einziger Ausweg

So kam es beim Durchqueren von elf Ländern immer wieder zu brenzligen Situationen. Etwa als die Gruppe, die für den Frieden pilgerte, Syrien erreichte. Zur selben Zeit brach dort Krieg aus. «Ein Zurück gab es nicht. Denn der Grenzübergang Syrien-Türkei wurde hinter uns verschlossen», erzählt Hildegard Aepli. Unbehagen machte sich auch breit, als sie in Syrien von einem Milchmann mit einem Revolver bedroht wurden. Die Gründe sind bis heute unklar. Schutz erhielten die Pilger von Männern des Geheimdienstes, die sich plötzlich bemerkbar machten. Die Lage in Syrien wurde für Hildegard Aepli und ihre Mitpilger jedoch dermassen heikel, dass sie die verbleibende Strecke von 120 Kilometern zur jordanischen Grenze in einem Taxi zurücklegten.

Misstöne innerhalb der Gruppe

Neben dem Durchqueren von Kriegsgebieten und der ständigen Ungewissheit, wo die Gruppe ihre nächste Übernachtungsmöglichkeit finde, waren ausserdem Spannungen innerhalb der Gruppe eine grosse Herausforderung. Spannungen, die Hildegard Aepli in dieser Form bis anhin nicht kannte. «Täglich verbrachten wir praktisch 24 Stunden miteinander. Rückzugsmöglichkeiten gab es keine», sagt sie. Unstimmigkeiten seien unter diesen Bedingungen zu erwarten gewesen, manchmal jedoch nur sehr schwer auszuhalten. Welche grossen Hürden die Gruppe während den 220 Tagen auch nehmen musste – als sie die Grabeskirche in Jerusalem erreichte, wurden die Pilger von ihrer Anstrengung erlöst. «Als ich die Orgel spielen hörte, hat es mich so berührt, dass ich in Tränen ausgebrochen bin», erinnert sich Hildegard Aepli.

Erlebnisse mit anderen teilen

Nach der Pilgerreise zog Hildegard Aepli von Freiburg nach St. Gallen und arbeitet heute als Pastoralassistentin im Bistum St. Gallen. Die vier Pilger konnten sich wieder «zusammenraufen» und haben gar ein Buch «Vier Pilger – ein Ziel, zu Fuss nach Jerusalem», verfasst, das soeben erschienen ist. Über ihre Erlebnisse spricht die Theologin zudem regelmässig an Vorträgen, wie heute Dienstag um 19 Uhr, auf Initiative der Paulus- Frauen-Gruppe im Pauluszentrum in Gossau. Aeplis Anliegen ist, gerade auch diejenigen zu erreichen, die die Möglichkeit für eine solche Reise nicht haben.

Bereits auch steht ein nächstes Projekt in den Startlöchern (Tagblatt vom 1. Mai). Unter dem Motto «Für eine Kirche mit Frauen» wandern drei der vier Pilger im Juli 2016 nach Rom.

Heute Di, 19 Uhr: Vortrag Hildegard Aepli im Pauluszentrum Gossau.

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