ZUSAMMENSCHLUSS: Widerstand gegen IT-Fusion

Die St.Galler Informatikunternehmen Abraxas und VRSG wollen fusionieren. Nun wird Kritik laut – von Zürcher Politikern und von Aktionären. Die zweitgrösste Aktionärin der VRSG prüft den Ausstieg.

Regula Weik
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Die beiden Unternehmen Abraxas Informatik AG und die Verwaltungsrechenzentrum AG St. Gallen planen die Fusion. (Bilder: PD, Urs Bucher)

Die beiden Unternehmen Abraxas Informatik AG und die Verwaltungsrechenzentrum AG St. Gallen planen die Fusion. (Bilder: PD, Urs Bucher)

Regula Weik

regula.weik@tagblatt.ch

Beide haben ihren Hauptsitz in St.Gallen, beide bieten Infor­matikdienstleistungen für die öffentliche Hand an: Nun streben die Abraxas Informatik AG und die Verwaltungsrechenzentrum AG St.Gallen (VRSG) die Fusion an. Sie wollen ab April 2018 gemeinsam auf dem Markt auftreten. Hauptsitz des neuen Unternehmens, dessen Name noch offen ist, ist St.Gallen. Es dürfte dannzumal 840 IT-Spezialisten beschäftigen (Ausgabe vom 16. Juni). Die beiden einzigen Aktionäre der Abraxas, die Kantone St.Gallen und Zürich, sowie die Hauptaktionärin der VRSG, die Stadt St.Gallen, haben der Fusion bereits zugestimmt. Die übrigen 130 Aktionäre haben bis Ende August Zeit für ihren Entscheid.

Die Voten an der Generalversammlung stimmten ihn zuversichtlich, dass sie sich anschliessen würden, hatte VRSG-Geschäftsführer Peter Baumberger vor einem Monat im Gespräch mit dieser Zeitung festgehalten. Ist der Fall wirklich so klar? Neuste Entwicklungen zeigen: Zweifel sind angebracht – umso mehr als die Stadt Chur, die zweitgrösste Aktionärin der VRSG, aussteigen will, wie das Regionaljournal Ostschweiz diese Woche berichtete. Und sich auch in Zürich heftige Kritik am Zusammenschluss regt.

Chur entscheidet im August über Ausstieg

«Der Beschluss ist noch nicht gefasst», sagt der Churer Stadtpräsident Urs Marti auf Anfrage. Im August finde dazu eine interne Sitzung statt, dann werde der Stadtrat darüber befinden und definitiv entscheiden. «Unsere momentane Haltung ist aber, vom Angebot zum Abkauf der Aktien Gebrauch zu machen», so Marti. Auf die Frage, ob Chur mit den Leistungen der VRSG unzufrieden sei, winkt der Stadtpräsident ab. «Wir sind damit sehr zufrieden und werden Kundin des Unternehmens bleiben.» Weshalb dann die Ausstiegsgedanken? Traut er dem fusionierten Unternehmen nicht? Martis diplomatische Antwort: «Die Stadt Chur sieht für die fusionierte neue Gesellschaft Chancen und Risiken. Sie sieht sich aber eher weniger als Investorin in eine IT-Firma.»

Wie reagiert die VRSG auf die Ausstiegsgelüste von Chur? «Wir können den aktuellen Stand nicht kommentieren», sagt Daniel Gahlinger, Mitglied der VRSG-Geschäftsleitung. «Wir haben bis heute von der Stadt Chur noch keine verbindliche Antwort auf ihr Aktientauschangebot erhalten.» Chur habe dafür – wie alle andern Aktionäre – allerdings auch noch Zeit bis Ende August. Auf die Frage, ob es weitere Ausstiegswillige gebe, antwortet Gahlinge: «Wir geben keine Zwischenresultate bekannt.»

Chur besitzt 250 Aktien zu je 1000 Franken; das macht 3,6 Prozent des Aktienkapitals der VRSG aus. Die Stadt St. Gallen als grösste Aktionärin hält 16,1 Prozent. «Darauf folgen eine Handvoll Aktionäre mit 150 bis 180 Aktien. Alle weiteren halten zwischen 5 und 120 Aktien», sagt Gahlinger. Damit die geplante Fusion zu Stande kommt, müssen zwei Drittel der Aktien für den Tausch oder Verkauf zur Verfügung stehen.

Zürcher Kantonsräte hinterfragen Kehrtwende

Widerstand gegen die Fusion regt sich aber auch in Zürich. Über hundert Kantonsräte – das Zürcher Parlament zählt 180 Mitglieder – haben eine dringliche Anfrage beim Regierungsrat eingereicht. Eine ihrer Fragen: «Wieso kommt der Regierungsrat zum Schluss, dass der Kanton Zürich Kernaktionär einer IT-Grossunternehmung sein soll?» Stutzig macht sie der Schritt nicht zuletzt deshalb, weil der Kanton Zürich vor nicht allzu langer Zeit die Firma Abraxas verkaufen wollte, «da es sich nicht um einen zentralen Dienstleister der Verwaltung handelt». Nun werde eine völlig gegenteilige Strategie gefahren. Die Kantonsräte erkundigen sich auch nach dem Risiko für den Kanton, sollte die «neue» Abraxas in Schieflage geraten, und nach allfälligen Folgekosten, etwa einer notwendigen Kapitalerhöhung. Schliesslich wollen sie erfahren, wie die Interessen des Kantons Zürich als Eigentümer «bei diesem Deal» berücksichtigt wurden.

In einem zweiten Vorstoss nimmt eine FDP-Kantonsrätin die VRSG ins Visier. Sie habe gehört, deren Finanzen seien «in gefährlicher Schieflage». Sie will vom Regierungsrat erfahren, ob eine Risikoprüfung durchgeführt worden sei und wie hoch das Risiko eines «Sanierungsfalls» sei. Beide Anfragen sind beim Zürcher Regierungsrat pendent.

Der Vorwurf, die Finanzlage der VRSG sei miserabel, ist nicht neu. Geschäftsführer Baumberger hatte diese Einschätzung zurückgewiesen. Das Unternehmen sei «solide» unterwegs (Ausgabe vom 24. Juni). Millionenschwere Rückstellungen wegen eines verspäteten Projekts belasteten jedoch das Ergebnis. «Wir haben gewisse stille Reserven aufgelöst, damit wir auf eine schwarze Null kommen.» Und: Das Unternehmen befinde sich in einer mehrjährigen Investitionsphase und habe die Fremdfinanzierung erhöhen müssen.