Zum Nisten auf den Balkon

GOLDACH. Eine Entenmutter suchte sich einen Goldacher Balkon für ihr Nest aus. Nachdem der Nachwuchs geschlüpft war, konnten sie und ihre Küken in einer Blitzaktion eingefangen und im See wieder freigelassen werden.

Andrea Sterchi
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Endlich im See: Die Küken bleiben dicht bei ihrer Mutter. In acht Wochen sind sie flügge. (Bilder: Jonny Müller)

Endlich im See: Die Küken bleiben dicht bei ihrer Mutter. In acht Wochen sind sie flügge. (Bilder: Jonny Müller)

GOLDACH. Gäste von ihm bemerkten das Entenpaar zum erstenmal. «Es schien, als würden sie meinen Balkon inspizieren», erzählt der Goldacher Künstler Jonny Müller. Tatsächlich baute das Entenweibchen einige Tage später in einem Blumentrog unter einem Strauch ein Nest und begann, Eier zu legen. Jeden Tag eines. Zu brüten beginnen Stockenten nämlich erst, wenn sie alle – zwischen sieben und elf – Eier gelegt haben. Jonny Müller wendete sich an die Vogelwarte Sempach, die ein Merkblatt für solche Situationen erstellt hat. Zusätzlich erhielt er Unterstützung von Kuno Feurer, Präsident und Vogelschutzobmann vom Verein Bird Life Goldach. Zunächst hiess es aber abwarten, denn das Brüten dauert 28 Tage. «Jeden Morgen schaute ich nach Emily, wie wir die Ente getauft haben», erzählt Jonny Müller.

Gefährlicher Weg ans Wasser

In der Regel brüten Stockenten am Boden, idealerweise an einem Seeufer. «Dort werden sie aber häufig von freilaufenden Hunden und von Katzen gestört», sagt Kuno Feurer. Deshalb würden sie auf Flachdächer oder Balkone ausweichen. Jedes Jahr werde er deswegen angerufen. An solchen Orten finden die Enten zwar Ruhe, dafür ist der Weg ans Wasser oft gefährlich. Stockenten sind Nestflüchter, das heisst, bereits sechs bis zwölf Stunden nach dem Schlüpfen verlassen die Küken das Nest und folgen ihrer Mutter ans Wasser. Bis zu fünf Kilometer legen sie dabei zurück. Nicht immer finden sie den direkten Weg. So verirrte sich im Mai vergangenen Jahres eine Entenmutter mit ihren vier Küken in Erika Müllers Wollenstübli im Stadtzentrum von Rorschach.

Sprung über Brüstung

Emily und ihre Küken erhielten eine Mitfahrgelegenheit. Als Jonny Müller entdeckte, dass etliche Küken geschlüpft waren, rief er Kuno Feurer an. Jetzt musste es schnell gehen. Zuerst gilt es, die Mutter einzufangen und in eine Kiste zu stecken, dann die Jungen. Es bleibt ein einziger Versuch. Misslingt er, flieht die Mutter und kehrt nicht zu ihren Küken zurück. Sie müssen dann in einer Pflegestation aufgezogen werden.

Kuno Feurer gelang es, Emily zu packen, die Küken aber stoben auseinander, zwei sprangen gar vom Balkon. Jonny Müller und Kuno Feurer sammelten schliesslich sieben Küken ein und brachten sie mit ihrer Mutter ans Seeufer nahe des Hafens Rietli. «Als Kuno Feurer die Kiste öffnete, flog Emily wild flatternd heraus», erzählt Jonny Müller. «Die Küken musste er herausheben. Sobald sie im Wasser waren, schwammen sie sofort zur Mutter.» Soweit war die Aktion gelungen. Wie sich später herausstellte, hatten sich vier weitere Küken versteckt. Später am gleichen Tag sorgten sie kurz für einen Verkehrsstau, als sie sich auf den Weg zum Dorfbach machten. Ein Wildhüter fing sie letztlich ein. Sie werden nun von Hand aufgezogen.

Eier zählen

Kuno Feurer rät deshalb, die Eier zu zählen. Einmal ist ihm aber so etwas wie eine Familienzusammenführung gelungen. Eine Entenmutter hatte sich auf einem Balkon im achten Stock im Hochhaus an der Heini-Rennhas-Strasse in Goldach eingenistet. Als er die Enten an den See bringen wollte, entwischten die Mutter und drei Küken über die Brüstung. «Ich packte die anderen sieben Küken in den Korb, fuhr sofort mit dem Lift nach unten und brachte sie zur Mutter», erzählt er. Die Familie war wieder beisammen. Ihren Sprung hatten die drei Küken gut überstanden. Da sie so federleicht seien, sei er kein Problem.

Emily ist eine der ersten Enten im Kanton, deren Nachwuchs dieses Jahr geschlüpft ist. In acht Wochen sind ihre Küken flügge.

«Emily» und ihre Küken kurz vor ihrem Auszug aus dem Nest.

«Emily» und ihre Küken kurz vor ihrem Auszug aus dem Nest.

Kuno Feuer lässt die Enten am Seeufer beim Hafen Rietli wieder frei. (Bild: Picasa)

Kuno Feuer lässt die Enten am Seeufer beim Hafen Rietli wieder frei. (Bild: Picasa)

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