Zum Gedenken an Erwin Niederer

Ende der 50er-Jahre eröffnete in Rorschach der erste Migrosmarkt der Schweiz mit einer Imbissecke. Erwin Niederer erhielt vom Filialleiter die Bewilligung, am Samstag vor dem Migrosmarkt Marroni zu verkaufen. Die 250 Gramm Säcklein kosteten damals einen Franken.

Alfred Zahner
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Das Rorschacher Original Erwin Niederer ist verstorben. Er führte unter anderem die «Steig» und betrieb ein Möbelgeschäft. (Bild: PD)

Das Rorschacher Original Erwin Niederer ist verstorben. Er führte unter anderem die «Steig» und betrieb ein Möbelgeschäft. (Bild: PD)

Ende der 50er-Jahre eröffnete in Rorschach der erste Migrosmarkt der Schweiz mit einer Imbissecke. Erwin Niederer erhielt vom Filialleiter die Bewilligung, am Samstag vor dem Migrosmarkt Marroni zu verkaufen. Die 250 Gramm Säcklein kosteten damals einen Franken. Erwin lieferte dem Filialleiter auch Früchte aus seinem Garten. Diese landeten in der Gemüsetheke der Migros. Das durfte die Migros-Leitung jedoch nicht wissen. Aus heutiger Sicht: «aus der Region – für die Region», das hat Erwin erfunden.

Auf dem Sportplatz Rorschach betrieb Erwin Niederer den Kiosk. Mit einem um den Hals getragenen Tablet umkreiste er den Sportplatz. «Glace, Cigares, Cigarettes, Stumpen, Brissago», tönte es auf den Rängen. Anfang der 60er-Jahre führte er das Strandbadrestaurant in Rorschach. Das Personal rekrutierte Niederer aus seiner Familie. An einem schönen Sonntag lief das Geschäft wie geschmiert. Es gab nur eine Glacesorte und nur Cervelats vom Grill, ganz wenig Auswahl an Süssigkeiten und Wurstsalat garniert. So war sichergestellt, dass niemand zu viel Zeit brauchte, bis er sich für den Kauf entschieden hatte. Erwin war ein Organisationstalent.

Unter dem Mariabergschulhaus betrieb Erwin einen Occasionsmarkt für Möbel. Die vielen italienischen Gastarbeiter konnten damals keine neuen Möbel kaufen. Erwin besorgte sie aus aufgelösten Haushalten. Eine unvergessliche Story: Erwin Niederer kaufte in Mörschwil einen Haushalt für 50 Franken. Zwei seiner Freunde räumten das alte Haus aus. Ihnen schaute ein Passant zu. Er kaufte einen Teppich für 50 Franken ab. Freudig brachten die Helfer den Rest zusammen mit der 50er-Note ins Geschäft. Erwin Niederer war weniger erfreut, er hatte den ganzen Hausrat nur wegen diesem wertvollen Teppich gekauft. Zum Occasionsmöbelhandel gehörte auch der Kauf von Antiquitäten. Dazu fuhr er 1962 oft über Land, beispielsweise ins Toggenburg, und klopfte dort Bauernhof um Bauernhof ab. Manchmal wurden er und seine Helfer mit Hunden verjagt, manchmal kam es zum Geschäft. Erwin, ein Antik-Fachmann.

Legendär ist der «Marronisunntig» an Allerheiligen. Kaltes Wetter, kein Schneefall – das waren die idealen Bedingungen für ein super Geschäft. Die Leute standen Schlange. Rund 350 Kilogramm Marroni wurden an einem solchen Tag vor dem Friedhof Rorschach verkauft. Apropos Schlange stehen: damit niemand wegging, zogen Erwin und seine Freunde das Geld einfach ein, dann konnten sie ruhig die Marroni gar werden lassen, niemand lief weg. Erwin, ein Schlitzohr. Am Abend zeigte sich jedes Mal, wie grossherzig Erwin denkt: Die letzte Pfanne wurde nicht verkauft. Diese Marroni verschenkte er ins gegenüberliegende Waisenhaus der Stadt Rorschach. Mitte der 60er-Jahre kaufte Erwin das sehr alte Restaurant Steig. Vor der Fasnacht wurde die «Steig» aufwendig dekoriert. Viele offenherzige Damen standen im Service und sorgten für Umsatz. Den billigen Spumante kaufte er in Italien. Auf der Preisliste machte er daraus ganz teure Sorten. Auf der angrenzenden grossen Wiese, die heute mit Einfamilienhäusern überbaut ist, standen viele Obstbäume. Das war die Lieblingsbeschäftigung von Erwin: Kirschen, Äpfel und Birnen pflücken. Er pflanzte auch ein riesiges Bohnenbeet an.

Erwin verstand es, aus allem Geld zu machen. Als in Rorschach ein Hutladen einging, kaufte er das ganze Sortiment zu einem Spottpreis und verscherbelte die Hüte am kommenden Jahrmarkt für fünf Franken das Stück. An der Signalstrasse rissen sich die Kunden die Hüte aus den Händen. Vor Weihnachten bot Erwin 1000 Christbäume zum Verkauf. Die Steigstrasse war mit Hunderten von Käufern belegt, die ihre Tannen nach Rorschach trugen, jedoch vorher noch in der «Steig» einkehrten und konsumierten. Das war das eigentliche Geschäft mit den Christbäumen. Erwin, der Händler.

Bald war Erwin in der Lage, ein Haus an der Langmoosstrasse zu bauen. Jetzt hatte er sogar Zeit für eine lange Reise. Ohne Englischkenntnisse und in Fernreisen ungewohnt, flog er nach Australien. Er schlug sich dort durch und besuchte seinen Freund aus der Jugendzeit. Das Geschäft übergab er seinem Sohn Max. Über das Jassen muss man nichts sagen. Alle wissen, dass Erwin der beste Jasser war. Alle, die Erwin gut gekannt haben, wissen, dass er ein äusserst liebenswerter und gutmütiger Mensch war. Dieser Zug kam bei flüchtigem Kontakt wenig zur Geltung. Dann nahm man ihn als bauernschlauen Händler war. Seine feinen Seiten konnte er in persönlichen Gesprächen und bei Besuchen zeigen: stets grosszügig und ehrlich.