ZÜGELAKTION: Stadtredaktion des "Tagblatts": Vom Stadtzentrum zurück in den Westen

Die "Tagblatt"-Stadtredaktion residiert nicht mehr im Stadtzentrum, sondern wieder an der Fürstenlandstasse 122. Damit geht am Oberen Graben 8 eine 114-jährigere Medientradition mit sehr vielen Auf und Abs unwiderruflich zu Ende.

Reto Voneschen
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Schachtel um Schachtel mit den Habseligkeiten der Mitglieder der «Tagblatt»-Stadtredaktion wurden am Dienstag und Mittwoch vom Oberen Graben 8 an die Fürstenlandstrasse 122 transportiert. Damit endet am Oberen Graben eine Ära: Während 114 Jahren war hier Zeitung gemacht worden. Was jetzt im Haus passiert, ist noch offen. (Bild: Ralph Ribi)

Schachtel um Schachtel mit den Habseligkeiten der Mitglieder der «Tagblatt»-Stadtredaktion wurden am Dienstag und Mittwoch vom Oberen Graben 8 an die Fürstenlandstrasse 122 transportiert. Damit endet am Oberen Graben eine Ära: Während 114 Jahren war hier Zeitung gemacht worden. Was jetzt im Haus passiert, ist noch offen. (Bild: Ralph Ribi)

Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch

Vor allem den direkt Betroffenen steht das Bild auf der Frontseite der letzten Ausgabe von «Die Ostschweiz» vom 31. Dezember 1997 immer noch vor Augen: Das Personal von Redaktion und Technik strömt geschlossen aus dem Haus Hintere Poststrasse 2. Die meisten haben einen Gegenstand aus dem Ar­beitsalltag dabei. «Das war’s!», lautete damals die Schlagzeile. Die zweite Tageszeitung auf dem Platz St. Gallen war Geschichte, wurde vom grösseren «St. Galler Tagblatt» übernommen. Der Werbemarkt gebe für zwei lokale Tageszeitungen mittelfristig nicht genügend «Futter» her, wurde die Fusion damals vor allem ökonomisch begründet.

Viel weniger dramatisch als auf dem – gestellten – Bild 20 Jahre zuvor ging es diesen Dienstag und Mittwoch am Oberen Graben 8, dem zweiten Gebäude der alten «Ostschweiz» zu und her. Zügelmänner packten Schachtel um Schachtel mit den Habseligkeiten der Mitglieder der «Tagblatts»-Stadtredaktion in einen grossen Lastwagen. Ziel der Fahrt war die Fürstenlandstrasse 122. Dort werden Stadt- und Zentralredaktion des «St. Galler Tagblatts» künftig im gleichen modernen Grossraumbüro an der letzten Tageszeitung der Stadt schreiben.

Und apropos weniger Dramatik: Die Stadtausgabe des «St.Galler Tagblatts» wird anders als seinerzeit «Die Ostschweiz» weiterhin erscheinen. Sogar der «Tagblatt»-Schriftzug am Haus Oberer Graben 8 bleibt vorläufig erhalten; das ist vertraglich mit den potenziellen Käufern der Liegenschaft vereinbart. Und trotzdem: Am Oberen Graben geht damit eine Ära zu Ende. Seit 114 Jahren wurde hier Zeitung gemacht. Damit ist es jetzt endgültig vorbei.

Von der Bankgasse ins Haus Oberer Graben 8

Ihren Anfang nahm die Zeitungstradition am Oberen Graben im Jahr 1903. Damals kaufte «Die Ostschweiz» die Liegenschaft Billwiller für 140000 Franken. Im Eckhaus an der Einmündung der Poststrasse in den Oberen Graben sollten Druckerei und Redaktion der katholischen Tageszeitung (damals ein Redaktor, der bis 1910 gleich auch im Haus wohnte) untergebracht werden. Das frühere Domizil, die Bankgasse 8, war zu klein fürs expandierende Unternehmen geworden. 1904 konnte das umgebaute Haus bezogen werden. Zudem erwarb «Die Ostschweiz» rasch acht kleine Hinterhäuser entlang der Hinteren Poststrasse. 1944 wird hier als neues Technik- und Verwaltungsgebäude die Hintere Poststrasse 2 in die Höhe gezogen. Im Keller, in dem sich heute Wochenende für Wochenende die Jugend im «Elephant Club» austobt, wurde eine neue Rotationsdruckmaschine aufgestellt. Vollendet wurde der Neubau allerdings erst 1949. Dies bedingt durch den Zweiten Weltkrieg und wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Obere Graben 8 wurde in der Folge mehrmals saniert und/oder umgebaut: 1951 verschwand dabei der Balkon auf der Südseite. 1973 erhielt das Haus die heutige innere Struktur mit rund 20 Redaktions- und Verlagsbüros.

Beide Häuser, der Obere Graben 8 und die Hintere Poststrasse 2, gingen im Zuge der Fusion 1997/98 ans «Tagblatt» über. Die Hintere Poststrasse wurde relativ schnell verkauft und beherbergt heute neben dem erwähnten Club Büro- und Atelierräume. In den Oberen Graben 8 zog Anfang 1998 die «Tagblatt»-Stadtredaktion ein. Dies geschah in einer Blitzaktion: Die einzige verbleibende lokale Tageszeitung baute personell aus und damit wurde der Büroraum an der Fürstenlandstrasse 122 knapp. Was lag näher, als die Lokalredaktion ins Zen­trum der Stadt, ins Zentrum des lokalen Geschehens zu verlegen? Die neue Stadtredaktion, um einige Mitglieder der «Ostschweiz»-Redaktion ergänzt, nahm im Januar 1998 die Tätigkeit am Oberen Graben auf. Saniert wurde das Haus dann in kleinen Schritten in den folgenden Jahren.

Die Zeitungstradition am Oberen Graben 8 wurde immer von einzelnen markanten Stadtredaktoren geprägt: Ins Büro, wo einst der legendäre Hermann Bauer und später der in der Stadt nicht weniger bekannte Herbert Egger geschrieben hatte, zog mit dem «Tagblatt» Josef Osterwalder ein. Er war vermutlich der letzte Stadtredaktor «von altem Schrot und Korn», wie er nach seinem Tod vor ein paar Jahren zu Recht gewürdigt wurde. Er war – wie seine Vorgänger – auch ein Büchersammler: Legendär ist die Anekdote, als eines der Gestelle in seinem Büro unter der Last wachsender Bücherberge nachgab und der Leiter der «Tagblatt»-Stadtredaktion unter einer Lawine von bibliophilen Kostbarkeiten begraben wurde – ohne Schaden zu nehmen. Nur noch solche Anekdoten werden künftig an den Medienstandort am Oberen Graben erinnern.

Moderne Infrastruktur und neue Arbeitsabläufe

In den zwei vergangenen Tagen ist die «Tagblatt»-Stadtredaktion also wieder an den Ort zurückgekehrt, von dem aus sie vor 20 Jahren und ein paar Monaten ins Stadtzentrum aufgebrochen war. Dass es dazu kommt, hat verschiedene Gründe. Der wichtigste: Die «Tagblatt»-Zentralredaktion an der Fürstenlandstrasse 122 wird neu in einem zweistöckigen Grossraumbüro untergebracht. Damit lassen sich einerseits Kosten sparen, anderseits bietet sich so aber auch die Möglichkeit für eine Modernisierung der Infrastruktur und für neue Arbeitsabläufe. Und in diese soll gemäss den Verantwortlichen die wichtigste Lokalredaktion, jene für Stadt und Region St. Gallen, einbezogen werden.

Alle Redaktionsteile sollen näher zusammenrutschen. Und in rund einem Jahr werden Tele Ostschweiz und Radio FM1 neben der Zeitungsredaktion an der Fürstenlandstrasse einziehen. Womit die Chance bestehe, ein Ostschweizer Medienhaus zu schaffen, zitierte das Kulturmagazin «Saiten» kürzlich «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid in einem Abgesang auf die Stadtredaktion im Stadtzentrum.

Und die Mitglieder der Stadtredaktion? Sie haben sich gegen die Zügelaktion gewehrt, wollten lieber im Stadtzentrum bleiben. Sie werden sich jetzt ganz sicher mit der neuen Situation an der Fürstenlandstrasse auseinandersetzen. Die Kunst wird sein, die Vorteile der dortigen modernen Infrastruktur und der Nähe zu anderen Ressorts zu nutzen, die Nachteile des nicht mehr so zentralen Standortes durch neue Gewohnheiten aufzufangen und gleichzeitig den Kontakt zum Stadtleben, zu dem was die Stadt bewegt, nicht zu verlieren.

Das Haus Oberer Graben 8 am Mittwoch: Die Stadtredaktion ist dabei, das Haus zu verlassen. Darin war bis 31. Dezember 1997 zweite Stadtsanktgaller Lokalzeitung, "Die Ostschweiz", untergebracht. Per 1. Januar 1998 wurde sie vom "St.Galler Tagblatt" übernommen und am Oberen Graben zog die "Tagblatt"-Stadtredaktion ein. (Bild: Ralph Ribi)

Das Haus Oberer Graben 8 am Mittwoch: Die Stadtredaktion ist dabei, das Haus zu verlassen. Darin war bis 31. Dezember 1997 zweite Stadtsanktgaller Lokalzeitung, "Die Ostschweiz", untergebracht. Per 1. Januar 1998 wurde sie vom "St.Galler Tagblatt" übernommen und am Oberen Graben zog die "Tagblatt"-Stadtredaktion ein. (Bild: Ralph Ribi)

Oberer Graben 8 in den frühen 1970er-Jahren vor dem Dachausbau. Der Vorgarten ist einem Vorplatz, die Druckerei einem Laden gewichen. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)

Oberer Graben 8 in den frühen 1970er-Jahren vor dem Dachausbau. Der Vorgarten ist einem Vorplatz, die Druckerei einem Laden gewichen. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde)

Das Haus Oberer Graben 8 von der Poststrasse her um 1980. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Das Haus Oberer Graben 8 von der Poststrasse her um 1980. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Das Haus Oberer Graben 8 kurz nach dem Einzug von «Die Ostschweiz» im Jahr 1904. Im Erdgeschoss war die Druckerei untergebracht. Der einzige Redaktor der Zeitung wohnte bis 1910 ebenfalls im Haus. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Das Haus Oberer Graben 8 kurz nach dem Einzug von «Die Ostschweiz» im Jahr 1904. Im Erdgeschoss war die Druckerei untergebracht. Der einzige Redaktor der Zeitung wohnte bis 1910 ebenfalls im Haus. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Zwischen 1944 und 1949 baute "Die Ostschweiz" an der Hinteren Poststrasse 2 ein neues Technik- und Bürogebäude. Im Keller befand sich die grosse Rotationsdruckmaschine für die Zeitung, im Erdgeschoss der Empfang, im oberen Stock die Setzerei und das Layout sowie das grosse Sitzungszimmer der Redaktion. Das Bild stammt vermutlich aus den späten 1950er-Jahren. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Zwischen 1944 und 1949 baute "Die Ostschweiz" an der Hinteren Poststrasse 2 ein neues Technik- und Bürogebäude. Im Keller befand sich die grosse Rotationsdruckmaschine für die Zeitung, im Erdgeschoss der Empfang, im oberen Stock die Setzerei und das Layout sowie das grosse Sitzungszimmer der Redaktion. Das Bild stammt vermutlich aus den späten 1950er-Jahren. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Redaktionssitzung "Die Ostschweiz" in den frühen 1980er-Jahren: Oben am Tisch sitzt Chefredaktor Edgar Oehler. Links von ihm mit Pfeife ist der legendäre Stadtredaktor Hermann Bauer gefolgt von der späteren Stadtredaktorin Rosmarie Früh zu erkennen. Rechts vorne am Tisch sitzt der junge Beat Antenen. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Redaktionssitzung "Die Ostschweiz" in den frühen 1980er-Jahren: Oben am Tisch sitzt Chefredaktor Edgar Oehler. Links von ihm mit Pfeife ist der legendäre Stadtredaktor Hermann Bauer gefolgt von der späteren Stadtredaktorin Rosmarie Früh zu erkennen. Rechts vorne am Tisch sitzt der junge Beat Antenen. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Unterhaltsarbeiten an der grossen Rotationsdruckmaschine im Keller der Liegenschaft Hintere Poststrasse 2. Heute ist dieser Raum Teil des "Elephant Club". (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Unterhaltsarbeiten an der grossen Rotationsdruckmaschine im Keller der Liegenschaft Hintere Poststrasse 2. Heute ist dieser Raum Teil des "Elephant Club". (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Ein Verträger der "Ostschweiz" in den 1960er-Jahren am Oberen Graben. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)

Ein Verträger der "Ostschweiz" in den 1960er-Jahren am Oberen Graben. (Bild: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St.Gallen)