Zucker statt Heroin verkauft

Ein 26jähriger Italiener hat einem Drogenverkäufer zwei Messerstiche zugefügt, weil er ihm Zucker statt Heroin verkaufte. Er ist deswegen zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Claudia Schmid
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Der Streit mit schwerwiegenden Folgen ereignete sich im März dieses Jahres am Hauptbahnhof St. Gallen. Der Beschuldigte kaufte beim späteren Opfer drei Gassenbriefchen für 50 Franken. Als er realisierte, dass sich darin kein Heroin, sondern Zucker befindet, folgte er dem Verkäufer und rief immer wieder: «Hey, gib mir das Geld zurück!»

Fäuste geballt

Laut Anklageschrift verweigerte der Verkäufer die Rückgabe des Geldes. Als er merkte, dass er hartnäckig verfolgt wurde, ballte er die Fäuste und gab an, er sei früher Boxer gewesen. Es kam zu einem ersten Gerangel zwischen den beiden, bei dem der beschuldigte Italiener ein Klappmesser zog. Während sich der eine mit Box- und Fusstritten den anderen vom Leibe halten wollte, drohte dieser mit dem Messer und traf seinen Kontrahenten am linken Oberarm.

In der Hoffnung, der Beschuldigte lasse von ihm ab, sagte der Verkäufer, er habe das Geld einer Kollegin übergeben. Als sich dies wiederum als Finte herausstellte, nahm der Beschuldigte die Verfolgung auf. Auf der St. Leonhard-Strasse kam es zu einem weiteren Gerangel. Diesmal traf der Italiener das Opfer in der linken Körperhälfte. Aus Angst vor weiteren Messerstichen nahm der Verletzte sein Portemonnaie hervor und warf eine Fünfzigernote auf die Strasse.

Blut in Brusthöhle

Das Opfer wurde kurz nach der Auseinandersetzung ins Spital gebracht, wo man eine Blutansammlung in der Brusthöhle feststellte. Er habe nur die 50 Franken zurückhaben wollen, jedoch nie die Absicht gehabt, den Verkäufer schwer zu verletzen, beteuerte der Beschuldigte an der Gerichtsverhandlung am Kreisgericht St. Gallen.

Erst Marihuana, dann Heroin

Einen bestimmten Grund für seine Drogensucht kenne er nicht, antwortete er auf eine entsprechende Frage eines Kreisrichters. Er habe bereits in der Schule und während der Lehrzeit gekifft. Später sei er in Zürich in Clubs gegangen und habe Kokain probiert, um im Ausgang wach zu bleiben. Heroin habe er konsumiert, um wieder «herunterzukommen». Am Arbeitsplatz habe er bis zum Vorfall im März wegen der Drogensucht nie Probleme gehabt. Irgendwie habe er beides aneinander vorbeigebracht. Jetzt habe er sich unter ärztliche Kontrolle begeben. Seit Mitte August konsumiere er nichts mehr.

Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage im abgekürzten Verfahren und beantragte wegen einfacher und schwerer Körperverletzung sowie Übertretungen des Betäubungsmittelgesetzes eine bedingte Freiheitsstrafe von 22 Monaten mit einer Probezeit von drei Jahren und eine Busse von 1200 Franken. Dem Opfer muss er eine Genugtuung von 4000 Franken und die Heilungskosten bezahlen.

Letzte Chance erhalten

Das Kreisgericht St. Gallen erhob die Anträge zum Urteil. Das Opfer trage durch sein Verhalten eine erhebliche Mitschuld, erklärte der vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung. Dem Beschuldigten aber müsse klar sein, dass er mit dem bedingten Freiheitsentzug eine letzte Chance erhalte. Mache er sich erneut straffällig, drohe ein Gefängnisaufenthalt.

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