Zu den Zeugen der Revolution

Jeweils um den 14. Juli herum führt Walter Frei zu Schauplätzen, welche an die Auswirkungen der Französischen Revolution auf die Stadt erinnern. Dazu zählen Orte des Widerstands, der pompösen Feste oder des Umdenkens.

Kathrin Reimann
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Zeuge eines eindrücklichen Ereignisses ganz kurz vor der französischen Revolution: Das Karlstor in St. Gallen. (Bilder: Benjamin Manser)

Zeuge eines eindrücklichen Ereignisses ganz kurz vor der französischen Revolution: Das Karlstor in St. Gallen. (Bilder: Benjamin Manser)

Während die Einsassen im Untersuchungsgefängnis im Karlstor sich lauthals unterhalten, begrüsst Walter Frei unbeirrt von den Nebengeräuschen 20 Interessierte zur Stadtwanderung. Die Revolution in St. Gallen war das Thema vom vergangenen Samstag. «Eines, das immer besonders gut ankommt», wie Frei sagt. Jedes Jahr um den 14. Juli herum – dem Jahrestag der Stürmung auf die Bastille in Paris – bietet er diese Führung an.

Friedlicher Widerstand

Das Karlstor hat der Theologe als Ausgangsort ausgewählt, weil im Tor bereits früher das Gefängnis der Fürstabtei untergebracht war. «Wegen dieser Anstalt ereignete sich in St. Gallen ein eindrückliches Ereignis.» Ein Jahr vor dem Einmarsch der Franzosen drohte nämlich ein bewaffneter Aufruhr von Bauern gegen die Feudalherrschaft ihres neuen Landesherrn, dem Fürstabt Pankraz Vorster. Weil seine äbtischen Richter zwei Volksführer verurteilt hatten, stiessen 1797 Bauern aus Straubenzell, Gaiserwald und Gossau gegen St. Gallen vor. Dort wollten sie die Freilassung der beiden Männer erzwingen, was ihnen aber nicht gelang – die Klostertore wurden im letzten Moment geschlossen. Nach mehrstündigem ratlosem Verweilen zogen sie sich nach Schönenwegen zurück, knieten bei der Kapelle Maria Einsiedeln nieder und baten Gott mit drei Vaterunser um Rat, ob sie ihren Rückweg fortsetzen oder umkehren und die Klostertore einsprengen sollten. Im Glauben, Gott begehre das erstere, traten sie dann den Heimweg an.

«Dieses Ereignis hat mich sehr beeindruckt: Einerseits leisteten die Bauern klaren Widerstand gegen den Feudalismus, andererseits verzichteten sie dabei komplett auf Gewalt», sagt Frei.

Gebete gegen die Revolution

Und während die Nicht-Herrschenden von persönlicher Freiheit, Rechtsgleichheit und Weltbürgertum träumten, flösste die Französische Revolution, die im Jahr 1789 stattfand, allen Herrschenden Angst ein. «Aus diesem Grund wurden öffentliche Gebete für den Frieden angeordnet.» Bei den Untertanen in der Fürstabtei weckte die Französische Revolution indes die Hoffnung, alte Forderungen an den Landesherren durchsetzen zu können.

Beitrag zum Kanton Säntis

Als im Jahr 1798 das französische Nationalheer über den Jura in die Schweiz einrückte, wurden auch zwei Regimenter der Stadt St. Gallen ausgeschickt. «Eines ist bis ins bernische Jegenstorf gekommen, das andere bis nach Zürich», sagt Frei. Gegen die Franzosen sei keine Macht mehr gewachsen gewesen. Damit endete in der Folge auch die politische Herrschaft der Fürstabtei. Dies erzählte Frei vor der Statue von Karl Müller von Friedberg beim Pfalzkeller, welcher 1802 von Napoleon als Berater nach Frankreich bestellt wurde und dort wesentlich dazu beitrug, dass ein Kanton Säntis – bestehend aus St. Gallen und den beiden Appenzell – entstand.

Die nächste Station der Stadtwanderung führte dann auf den Klosterplatz, wo 1799 auf dem Platz vor dem verlassenen und aufgehobenen St. Galler Kloster eine Siegesfeier zur stolzen Erinnerung an die Hinrichtung des letzten Königs des Ancien Régime, an den Tod von König Ludwig XVI in Paris, stattfand. «An der pompösen Feier auf dem schneebedeckten Klosterplatz erschien eine Göttin der Freiheit auf einem blau-weiss-rot bewimpelten Wagen.» Dabei handelte es sich um die 31jährige hübsche «Bürgerin Walser aus Herisau». «Sie war trotz Winterkälte nur leicht bekleidet und war umgeben von zerbrochenen Kronen und bischöflichen Szeptern – Sinnbildern der zerbrochenen Kirchenherrschaft.»

Vorurteile gegenüber Franzosen

Frei führte dann weiter hinter die Kirche St. Laurenzen, wo mit Anna Schlatter Bernet eine interessante Zeitzeugin wohnte. «Sie hat jeden Tag Briefe geschrieben und ihren Unmut gegenüber den Franzosen in der Stadt geschildert.» Vom September 1798 bis Mai 1799 hatte die Stadt nämlich etwa 500 Mann französische Besatzungstruppen zu unterhalten. «Schlatter hatte diesen gegenüber grösste Vorurteile und war dann ganz erstaunt, als sie einen persönlich kennenlernt und dieser doch ganz anständig zu sein schien», erzählt Frei.

Nächste Station war die Spitalgasse, wo das frühere Spital stand. Dies beherbergte ursprünglich auch das Waisenhaus. «Eine erste Neuerung im Geist der Revolution war die Auslagerung dieses.» 1811 wurde es im Grünen, an der heutigen Rosenbergstrasse, eröffnet.

Die letzte Station der umfassenden Stadtwanderung war beim Vadiandenkmal. «Im damaligen Unteren Graben waren 1799 300 Kriegsgefangene untergebracht.» Darunter haben sich auch Russen, Kosaken und Afrikaner befunden. «Das war auch etwas zum Anschauen.»

Walter Frei Theologe und Stadtführer (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Walter Frei Theologe und Stadtführer (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))