ZIVILCOURAGE: Verhör der Schülerinnen als Drama

1942 empörten sich Rorschacher Schülerinnen über die Flüchtlingspolitik. Ihr Brief an den Bundesrat löste eine Staatsaffäre aus. Studierende der PHSG bringen den Protest jetzt als Drama auf die Bühne.

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Studentinnen bei einer Probe für das Schauspiel. (Bild: Otmar Elsener)

Studentinnen bei einer Probe für das Schauspiel. (Bild: Otmar Elsener)

In der Aula Mariaberg der PHSG proben Studierende der Theatergruppe ein Verhör, das tatsächlich vor 75 Jahren im nur einige hundert Meter entfernten Sekundarschulhaus Rorschach stattfand. Wegen des Inhalts eines Briefes an den Bundesrat wurden die Mädchenklasse IIc und ihr Klassenlehrer Richard Grünberger im Auftrag der Bundesanwaltschaft teils einzeln, teils in Gruppen verhört. Der Grund: Der von der Mehrheit der Klasse unterschriebene Brieftext über die Rückweisung einer Gruppe von Flüchtlingen an der Landesgrenze im Jura hatte anscheinend den Bundesrat beleidigt.

Die Spielleiter der PHSG Theatergruppe, Kristin Ludin und Björn Reifler, erkannten in der Intervention der Mädchen einen sagenhaft guten und aktuellen Schultheaterstoff. Sie verarbeiteten das Verhör, das sich wie ein Krimi liest, zu einem aufsehenerregenden Schauspiel. Die Schauspielerinnen, alle angehende Primarlehrerinnen, üben jene Sätze aus dem Brief, von denen sich Bundesrat Eduard von Steiger, der damalige Aussenminister, beleidigt gefühlt und vermutet hatte, dass der Brief von politischen Anstiftern diktiert worden war. Seit ab 2004 die Archivdossiers über die Haltung der Schweiz im Zweiten Weltkrieg gegenüber jüdischen Flüchtlingen öffentlich einsehbar wurden, sind der Brief der Schulmädchen und das Protokoll des Verhörs als Beispiele von aussergewöhnlicher Zivilcourage in der ganzen Schweiz berühmt geworden. Weil seither auch die Namen und die Lebensläufe der abgewiesenen Flüchtlinge bekannt wurden, haben die Regisseure Ludin und Reifler deren dramatische Abschiebung an der Grenze in das Schauspiel eingebaut.

Beeindruckt von Zivilcourage

Während der Proben identifizieren sich die jungen Frauen und Männer lebhaft mit den Mädchen und den Flüchtlingen, die sie für das Theaterpublikum verkörpern werden. Die Schauspielerinnen und Schauspieler werden in den Spielprozess einbezogen und geben sich gegenseitig Rückmeldungen, die auf der Bühne wieder umgesetzt werden. In den Pausen schildern einige von ihnen ihre Eindrücke. «Ich hörte erstmals vom ‹Rorschacher Brief› von meinem Geschichtslehrer während des Maturastudiums» sagt Marisa Nuber. Ihre Kollegin Désirée Forte findet es spannend, ausgerechnet am Standort des Geschehens die mutige Tat der Mädchen lebendig spielen zu dürfen. Nina Heule ist schockiert, dass anscheinend kaum jemand in Rorschach selber den Brief und den Text des Verhörs kannte. Verständlich, denn ­damals wurden die Mädchen unter Strafandrohung zu Stillschweigen verpflichtet und jahrelang hörte kaum jemand etwas davon. Daria Schönenberger war von allem Anfang an vom dramatischen Thema gepackt, als sie erstmals den Brief las: «Ich bin beeindruckt, wie diese erst vierzehnjährigen Mädchen angeführt von Heidi Weber in so jugendlichem Alter engagiert, ­bestimmend und fordernd handelten.»

Lukas Pelzmann ist einer der Studenten, welche die Männerrollen des Lehrers Richard Grünberger, des Schulratspräsidenten Karl Lutz und der Grenzbehörden spielen. Gefragt, wie er sich die Haltung des damals in Rorschach als Patriot und Lokalhistoriker bekannten Lehrers vorstellt, antwortet er: «Er war bodenständig, loyal, aber er muss gewusst haben, dass es für ihn schwierig werden könnte.»

Die Schulleitung will mit ­diesem Schauspiel diese wahre Geschichte von mutigen Schulmädchen der Bevölkerung nahebringen. Sie hofft, dass die Aufführungen angesichts der aktuellen Flüchtlings-Schicksale und deren Berichterstattung viele Besucher nicht nur aus der Region, sondern aus der ganzen Ostschweiz anlocken. Soldaten und Grenzwächter an den Landesgrenzen der Kantone St. Gallen und Thurgau waren damals von den gleichen Bundesrats-Befehlen zur Rückweisung betroffen wie ihre Kollegen im Jura – ein im Ostschweizerischen Tagblatt geschilderter Vorfall im Jura hatte die Rorschacher Mädchen zum Briefschreiben veranlasst.

Otmar Elsener

redaktionot@tagblatt.ch