Zivilcourage als Theaterstück

Ein berühmtes Beispiel von Zivilcourage in der Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkriegs – der mutige Protestbrief an den Bundesrat von Mädchen der Sekundarschule Rorschach – ist in Aarau als Schauspiel aufgeführt worden.

Otmar Elsener
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Die Aarauer Schülerinnen zeigten viel Einfühlungsvermögen in ihre Theaterrollen. (Bild: Peter Koehl)

Die Aarauer Schülerinnen zeigten viel Einfühlungsvermögen in ihre Theaterrollen. (Bild: Peter Koehl)

RORSCHACH/AARAU. Heidi Weber, das Rorschacher Schulmädchen, ist ein Symbol für Zivilcourage. Sie ist die Urheberin eines mutigen Briefes, der von 22 ihrer Mitschülerinnen unterzeichnet, am 7. September 1942 an den Bundesrat gesandt worden war. Nun ist ihr Name auch in Aarau bekannt, denn erstmals in der Schweiz, im Stadtmuseum Aarau, ist die Aktion der Rorschacherinnen in einem Bühnenstück thematisiert worden. «Ein Stück lebendige Zeitgeschichte», wie das Schauspiel im Prospekt angekündigt wird.

Empörte Schulmädchen

Mitten im Weltkrieg, im August 1942, beschloss der Bundesrat, zivile Flüchtlinge an den Grenzen zurückzuweisen. Die Fremdenpolizei verschärfte den Beschluss antisemitisch: Juden galten fortan als politische Flüchtlinge. Der furchtlose Nebelspalter-Verleger und Ständerat Ernst Löpfe-Benz trotzte der Zensur und veröffentlichte im «Ostschweizerischen Tagblatt» einen erschütternden Bericht über das Schicksal einer Flüchtlingsgruppe in der Westschweiz. Heidi Weber empörte sich über diese Reportage und überzeugte ihre Schulkolleginnen, sich in einem Brief an die «sehr geehrten Bundesräte» zu beschweren, «dass man die Flüchtlinge so herzlos wieder zurückstösst». Die Mädchen bewiesen Zivilcourage mit dem Satz: «Es kann ja sein, dass sie den Befehl erhalten haben, keine Juden aufzunehmen.» Bundesrat Eduard von Steigern fühlte sich von diesen Worten beleidigt. Er schaltete die Bundesanwaltschaft ein, die den Schulrat zu einer Untersuchung aufforderte.

Stillschweigen auferlegt

Die Schülerinnen und der Klassenlehrer Richard Grünberger wurden vom Schulratspräsidenten Karl Lutz, Vorsteher Gotthold Lutz und dem Gerichtsschreiber Kurt Fisch verhört. Die Klasse wurde verwarnt, zu Stillschweigen verpflichtet und der Lehrer vom Verdacht der Beeinflussung entlastet. Das schriftliche Protokoll befindet sich im Bundesarchiv.» In Rorschach hörte man wegen des Stillschweigens jahrelang nie etwas über diesen Brief, bis vor einigen Jahren die Flüchtlingspolitik der Schweiz im Krieg hinterfragt wurde. Die mutige Tat einiger Schulmädchen ist bisher nie von Theaterschreibern thematisiert worden ist. Dabei ist es sagenhaft guter und aktueller Schultheaterstoff. Allein der spannende Text des Verhörs liest sich wie ein Krimi.

Aarau anstelle von Rorschach

Wie kam es dazu, dass nun eine Kantonsschule im Kanton Aargau den Brief als Anlass für ein Schauspiel nahm? Seit April wurde im Stadtmuseum Aarau eine Ausstellung zum Thema Demokratie gezeigt, in der unter dem Begriff Zivilcourage die Tat und ihre Folgen der Rorschacher Schulmädchen thematisiert und der Originalbrief ausgestellt wurden. Die Museumsleitung bat den Kantonsschullehrer Beat Knaus, das Verhör für eine Hörfassung zu vertonen. Knaus als Leiter der Theatergruppe AUJA! der Neuen Kantonsschule verfasste als Regisseur aus dem Verhörprotokoll, Presseartikeln und Recherchen ein dokumentarisches Bühnenstück.

Überlebende in Israel

Unterstützt wurde Knaus von der Historikerin und Kulturwissenschafterin Gerda Baumgartner aus Aarau. Sie recherchierte in Rorschach und in der Westschweiz; tatsächlich machte sie eine Überlebende jener Flüchtlingsgruppe ausfindig, deren Schicksal die Rorschacherinnen so empört hatte. Die 15jährige Tauba Süsskind stammte aus Antwerpen und lebt heute 89jährig in Tel Aviv. Nach ihrer Rückweisung hatte sich die Gruppe im Wald versteckt und wanderte über die «grüne Grenze» wieder zurück in Richtung Nyon. Jüdische Familien verhalfen Tauba und ihren Fluchtgefährten zur Fahrt nach Zürich, sie meldeten sich dort bei der Polizei und durften bleiben. Nach dem Kriegsende emigrierte sie nach Palästina, erlebte dort die Gründung des Staates Israel und trägt seit ihrer Heirat den Namen Tony Weber. Heidi Weber, die 1993 verstorben ist, hat nie erfahren, wie es dem Flüchtlingsmädchen Tauba Süsskind später erging. Gerda Baumgartner schrieb nach ihrem Treffen mit Tauba Weber im Mai 2016 in Tel Aviv: «Dass Tauba denselben Nachnamen trägt wie Heidi, die mutige Schülerin aus Rorschach, ist wohl ein Wink des Schicksals.»

Lebendige Zeitgeschichte

Regisseur Knaus als Lehrer des Freifachs Schultheater begeisterte seine Schülerinnen und Schüler für die Aufführung seines Stücks. Die Proben begannen vor einem Jahr, als die heutige Problematik der Flüchtlinge noch nicht vorherzusehen war. In einem Interview mit der Aargauer Zeitung sagte Knaus: «Wir verweisen nicht ständig auf die Gegenwart. Jedoch wirft das Stück Fragen auf, denen sich der Zuschauer stellen soll.»

Knaus verwebt die Bühne als Schulklassenzimmer und Verhörraum mit dem Platz vor dem Stadtmuseum. Die Bühnen sind möbliert mit Panzersperren-ähnlichen, kubischen Behältern, die sowohl als Schülerpulte als auch als Rettungsschiffe dienen. Nachrichtensprecher des Landessenders und Songs und Lieder aus den 1940er-Schuljahren vermitteln Zeitgeschehen. In den authentisch nachgespielten Verhörszenen lässt Knaus seine Schauspielerinnen als heranwachsende und aufbegehrende Menschen sprechen. Es ist spürbar wie sich die Schauspielerinnen mit den fast gleichaltrigen Schulmädchen der Kriegsjahre identifizieren.

Wann in Rorschach?

Das Stück wurde in Aarau vor ausverkauftem Haus aufgeführt. Das Verhör von Heidi Weber und ihrer Schulkolleginnen sollte in der ganzen Schweiz wahrgenommen werden, namentlich auch als Verfilmung durch SRF. Ein idealeres Stück für die Bühnen der Ostschweiz, insbesondere für die Pädagogische Hochschule in Rorschach, kann man sich kaum vorstellen. Und für die Stadt Rorschach wäre es zweifellos ein neues Aufleben der Tradition von Theaterspielen am einstigen Lehrerseminar Mariaberg, der heutigen PHSG.

Das Stück über die couragierten Rorschacher Schulmädchen wurde in Aarau vor ausverkauftem Haus aufgeführt. (Bilder: Peter Koehl)

Das Stück über die couragierten Rorschacher Schulmädchen wurde in Aarau vor ausverkauftem Haus aufgeführt. (Bilder: Peter Koehl)

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