Zentrum der Milchwirtschaft

GOSSAU. Die Bar BBC, die Überbauung Perron 3 und die Olma: Was auf den ersten Blick nicht zusammengehört, verbindet eine gemeinsame Geschichte. Die drei Institutionen sind verknüpft mit der Entwicklung der Milchproduktion in Gossau.

Sebastian Schneider
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Die Butterzentrale am Gossauer Bahnhof zeugte von der Wichtigkeit der Milchwirtschaft in Gossau. (Bild: Archiv VMMO)

Die Butterzentrale am Gossauer Bahnhof zeugte von der Wichtigkeit der Milchwirtschaft in Gossau. (Bild: Archiv VMMO)

Manchem mag es seltsam erscheinen, dass die grosse Bar am Gossauer Bahnhof Butterbarcafe heisst. Bier und Butter passen irgendwie nicht zusammen. Tatsächlich ist der Name auf einen anderen Hintergrund zurückzuführen, nämlich auf die Verbindung Butter und Gossau.

Seit Kühe in Schweizer Tälern grasen, ist Gossau ein bedeutendes Zentrum der Milchwirtschaft. Was vor über hundert Jahren zu wachsen begann, ist auch heute für die Stadt und ihre Umgebung von Bedeutung. Nicht nur der Name «BBC» zeugt davon, sondern auch das Geschäftshaus an der Poststrasse 13. In diesem Haus hat der Verband Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost (VMMO) seinen Sitz.

Diesem Verband sind rund 6000 Milchproduzenten aus elf Kantonen angeschlossen. Sie produzieren circa einen Viertel der gesamten Schweizer Milchmenge. «Gossau ist seit jeher ein wichtiges Milchproduktionsgebiet», sagt Andreas Ritter, Geschäftsführer des VMMO. Ritter, der im Emmental einst die Lehre als Landwirt antrat, arbeitet seit 39 Jahren für den Verband. In diesen Jahren hat er die Liberalisierung des Milchmarktes miterlebt, und dank seiner langjährigen Tätigkeit ist er mit der Geschichte von Gossau als Milchstadt bestens vertraut.

Die Milch kommt ins Tal

Bis ins 19. Jahrhundert produzierten vornehmlich Bergbauern Milch. Das nahrhafte Getränk verarbeiteten die Sennen noch auf der Alp zu Käse. «Den Appenzellerkäse zum Beispiel gibt es schon seit über 700 Jahren», wirft Ritter ein. Die Bergbauern seien früher Selbstversorger gewesen. Erst 1815 wurde im bernischen Kiesen die erste Talkäserei errichtet. Nach und nach wurden bessere Wege in die Täler gebaut, und die Milch gelangte auch in der Ostschweiz rascher ins Flachland. Vor etwa 150 Jahren wurden die ersten Käsereien der Ostschweiz, zum Beispiel in Lenggenwil, eröffnet.

In Gossau, Waldkirch und Andwil gab es immer mehr Milchwirtschaftsbetriebe und Käsereien. Die Region ist laut Ritter aufgrund des häufigen Niederschlags und der hügeligen Landschaft ideal für die Milchproduktion. Im Jahr 1902 schlossen sich 16 Käsereien zum Verband St. Gallischer Käsereigenossenschaften zusammen und legten den Grundstein des heutigen VMMO.

1917 gründete der Verband die Zentralstelle für Butterversorgung. Elf Jahre später nahm eine Kollektivgesellschaft, bestehend aus dem Käsereiverband und dem Milchkäuferverband, den Betrieb der Butterzentrale auf. Ein Jahr später entstand der Milchverband St. Gallen-Appenzell aus den Verbänden der Käsereien und der Konsummilch. Der neue Verband betrieb auch in der Stadt St. Gallen Molkereien. In diesen wurde unter anderem die Erfindung aus dem Balkan, das Joghurt, produziert.

Olma mitgegründet

Während des Zweiten Weltkriegs kam es in der Schweiz zu Versorgungsengpässen. Landwirtschaftliche Verbände, allen voran der Milchverband St. Gallen-Appenzell, hegten grosses Interesse, die Wichtigkeit ihres Schaffens der breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Und so entstand in Zusammenarbeit mit der Stadt und dem Kanton St. Gallen 1943 die erste Olma. «Bei der Olma-Genossenschaft sind wir heute noch beteiligt», sagt Andreas Ritter.

Butterzentrale wird Butterbar

Nach dem Krieg lief es der Butterzentrale wie geschmiert. Und der Milchverband konnte in den 1970er-Jahren seine Stellung als führender Milchverarbeiter der Ostschweiz ausbauen. Erst in den 1980er-Jahren wurde er aufgrund zunehmender Liberalisierung des Milchmarktes zum Handeln gedrängt. 1991 wurde zusammen mit dem Thurgauer Milchproduzentenverband die Säntis Holding AG gegründet. 1999 folgte der Zusammenschluss mit der Toni Holding AG zur neuen Swiss Dairy Food AG.

Doch die Geschichte dieser AG ist kurz. Bereits 2002 musste sie Konkurs anmelden. Zum raschen Fall haben laut Ritter mehrere Faktoren geführt. Im März 2002 öffnete die «Butterbarcafe» ihre Türen. Bevor 2008 die Bagger für die Grundsteinlegung des «Perrons 3» auffuhren, verlegte die Bar ihren Standort in den Güterschuppen am Bahnhof. Im September 2009 bezogen die ersten Geschäfte das «Perron 3».

Ehemalige Milchzentrale beim Bahnhof Gossau (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Ehemalige Milchzentrale beim Bahnhof Gossau (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

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