Zement, Draht und Kuhhaare

RORSCHACH. Das Forum Würth in Rorschach zeigt unter dem Titel «Kunst der Aussenseiter» Arbeiten von Menschen mit Handicap und Outsider-Art-Künstlern. Die Werke aus den Sammlungen Würth und John treten dabei in einen spannenden Dialog.

Andrea Sterchi
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Kunst der Aussenseiter: Sie folgt ihren eigenen Gesetzen, formale und ästhetische Kriterien spielen keine Rolle. (Bild: Corina Tobler)

Kunst der Aussenseiter: Sie folgt ihren eigenen Gesetzen, formale und ästhetische Kriterien spielen keine Rolle. (Bild: Corina Tobler)

Es sind nicht die grossen Stars der Kunst, die sich in der gestern eröffneten Foyerausstellung im Forum Würth in Rorschach treffen. Hier begegnen sich Aussenseiterkünstler. Aussenseiter im täglichen Leben wegen ihrer Behinderung, Aussenseiter im Kunstbetrieb, weil sie Laien und Autodidakten sind. Für diese Kunstform prägte der französische Künstler Jean Dubuffet (1901–1985) den Begriff «Art Brut». Er verstand darunter eine «unverbildete» Kunst, die weder auf ästhetische noch formale Kriterien Rücksicht nimmt. In der Ausstellung unter dem Titel «Kunst der Aussenseiter» zeigt das Forum Würth Rorschach «Outsider Art» von je fünfzig Werken aus den Sammlungen Würth und John.

Besondere Künstler

Seit jeher engagieren sich Carmen und Reinhold Würth, auch weil sie selbst einen behinderten Sohn haben, für die Integration von Menschen mit einem Handicap. 2003 eröffnete Carmen Würth in Künzelsau das Hotel Ann-Sophie, in dem behinderte und nicht behinderte Menschen zusammenarbeiten. Regelmässig finden hier Kunstwerkstätten statt, in denen Menschen mit einem Handicap unter Anleitung künstlerisch tätig sein können. Werke, die hier aber auch in anderen Kreativwerkstätten, beispielsweise jener des Bürgerspitals Basel entstanden sind, sind Teil eines rund 300 Arbeiten umfassenden, eigenständigen Bereichs der Sammlung Würth.

Die aktuelle Ausstellung zeigt daraus Gemälde und Zeichnungen von 29 Künstlern mit einem Handicap. Sie treten in einen Dialog mit Plastiken und Objekten von fünf Aussenseiter-Künstlern aus der Sammlung John.

Kunst aus alltäglichen Dingen

Denn entstanden sind diese vor einem gänzlich anderen Hintergrund. Nicht in einem Atelier unter Anleitung und aus Kunstmaterialien, sondern aus freiem, persönlichen Antrieb und aus alltäglichen Dingen. Auch handelte es sich bei ihnen nicht um zeitgenössische Kunst, da die fünf Künstler bereits verstorben sind. Der bekannteste unter ihnen ist der Zementplastiker Ulrich Bleiker (1914-1994). Ursprünglich verzierte er Brunnentröge mit Relieffiguren. In den 1960er-Jahren begann er, diese Figuren aus Zement zu gestalten, den er über Draht goss und mit Steinen, Muscheln und Abfallmaterialien verzierte. Für die Haare seiner Figuren verwendete er Haare vom Schwanz oder der Stirnlocke einer Kuh.

Neben seinen Plastiken sind wunderliche Musikinstrumente von Max Goldinger (1908-1988) zu sehen, gebaut aus Fundmaterialien, sowie Schnitzarbeiten zu Themen des bäuerlichen Lebens von Jakob Müller (1922-2005). Paul Schlotterbeck (1920-1998) gestaltete seine Waffen, Helikopter, Offizierskappen und Wachsoldaten aus Karton und fixierte sie mit Klebeband und Schnüren. Ebenfalls Teil der Ausstellung ist das riesige Flugzeug von Ernst Kummer (1918-2003). Nur wenige seiner Werke sind nach seinem Tod erhalten geblieben.

Leihgaben aus St. Gallen

Die Werke der Ostschweizer Outside-Art-Künstler sind eine Leihgabe des Museums im Lagerhaus in St. Gallen. Schon bei dessen Gründung 1988 spielte die Sammlung John eine wichtige Rolle. Mina und Josef John stellten als Mitinitianten des Museums und der Stiftung Naive Kunst und Art Brut Werke aus ihrer Sammlung zur Verfügung. Im vergangenen April konnte das Museum die gesamte Sammlung John, mittlerweile auf 650 Werke angewachsen, erwerben dank finanzieller Unterstützung aus dem Lotteriefonds des Kantons St. Gallen, der Stadt St. Gallen, des Kantons Appenzell Ausserrhoden und verschiedener Stiftungen in der Region sowie der Würth-Gruppe.

Die Ausstellung «Kunst der Aussenseiter» dauert noch bis zum 25. Februar 2015.

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