Zeitlose Zeitreise auf Parkbühne

Bei der Premiere gestern abend im Warteggpark lancierte das Theater Sinnflut die Saison erfolgreich, schauspielerisch ebenso wie landschaftlich und sogar meteorologisch. Lohnenden Mut zum Risiko zeigt es nicht allein beim Wetter.

Fritz Bichsel
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Überraschender Moment bei der Premiere des Freilichtspiels vom Theater Sinnflut gestern abend auf Schloss Wartegg. (Bild: Peter Käser)

Überraschender Moment bei der Premiere des Freilichtspiels vom Theater Sinnflut gestern abend auf Schloss Wartegg. (Bild: Peter Käser)

RORSCHACHERBERG. Singend kommen Sängerinnen und Sänger vom Chor über dem Bodensee auf die Bühne (aus echten Brettern). Gesang und Musik haben durchs ganze Werk wichtige Rollen. Das Arena-artige Gelände beim Schloss Wartegg und der Tontechniker bieten erstaunlich gute Akustik – auch, wenn die das Freilufttheater säumenden Parkbäume im Wind rauschen.

Hymne, Seppl und Facebook

Auf der grossen Bühne, vor nie wechselnder Kulisse, mischen sich Geschichte über drei Jahrhunderte und Gegenwart, auch sprachlich und in Gesten. Der Chor sing zur Beerdigung eines Militärs in historischer Zeit; junge Leute posten etwas auf Facebook. Der Chor intoniert zum Einzug des auf Wartegg ins Exil geflohenen Kaiserpaars Österreichs Hymne. Und schwups tanzt die Trachtengruppe Rorschacherberg stellvertretend für das Volk zu «De Seppl isch en brave Maa».

Lachen, bis...

Etwas Kenntnis der schweizerischen und der europäischen Geschichte, so weit sie Akteure auf Wartegg führte, ist hilfreich zum Verständnis des Stücks. Und sonst: Es ist eine Komödie mit viel Anregung zum Lachen. Zum Beispiel bei gespielten Nettigkeiten über Schweizer und Österreicher. Wenn Vorarlberger Gelüste zum Anschluss an die Schweiz sich auswachsen zum Wandel des vereinten Europas zum «Vereinigten Helvetien» – wobei aber «Rorschach und Rorschacherberg immer trennt blibed». Das Lachen bleibt den Besuchern jedoch im Hals stecken. Allerspätestens, wenn das Stück zum Giftgaskrieg vor dem Zusammenbruch der Monarchie und dem Exil des Kaisers führt.

Die 14 Schauspieler, 20 Sänger und 20 Tänzer – alle Laien –, agieren auf und neben der Bühne und auf dem Balkon. Sie spielen in mehreren Rollen und unterschiedlichen Zeiten. Dabei macht die Aufführung von Sinnflut und Vereinen aus der Region klar: Das Geschehen ist nicht abgehakte Geschichte, sondern wiederholt sich auch heute. Damals Menschenhandel des Fidel von Thurn in Rorschach mit Söldnern. Und heute? «Panzerhandel in Kreuzlingen», ebenfalls blutig.

Aufwendige Produktion

Das Theater Sinnflut hat sich diesmal besonders viel vorgenommen. Jean-Michel Räber schrieb eigens für dieses Laienensemble ein Stück mit Bezug zur wechselvollen Geschichte von Schloss Wartegg. Obwohl angeblich Kostüme verschwinden und Strompannen für Unterbruch sogen, ist der Aufwand an Requisiten, weiterem Material und Technik erheblich. Und weil nicht immer so schönes Wetter ist wie gestern abend, muss die ganze Menge gelegentlich in die Rorschacher Jugendkirche gezügelt werden.

Alles aus eigener Kraft

Dabei packen die Theaterleute selber an und die rund hundert Leute, die im Hintergrund mitwirken, vom Aufbau bis zur Bar. Der Theatervorstand wird zudem täglich zum Wetterfrosch, der den Spielort festlegt.

All das trägt bei zum nachdenklich stimmenden Abend in paradiesischer Umgebung.

Tickets: www.theater-sinnflut.ch