Zeitenwende im Museum

Ein Grenz- und Exportkanton im Ersten Weltkrieg: Das Historische und Völkerkundemuseum zeigt als Grossprojekt nebeneinander drei Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918.

Margrith Widmer
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Uniformen, Helme, Gewehre, Abzeichen: Das Historische und Völkerkundemuseum zeigt anschauliches Material aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. (Bilder: Benjamin Manser)

Uniformen, Helme, Gewehre, Abzeichen: Das Historische und Völkerkundemuseum zeigt anschauliches Material aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. (Bilder: Benjamin Manser)

Nach dem 11. November 1918, nach dem Waffenstillstand von Compiègne, war die Schweiz ein anderes Land als vor 1914. Im Kanton St. Gallen war der Einschnitt gar noch drastischer: Im Grenzverkehr herrschte nie mehr die Freiheit der Vorkriegszeit; die Stickerei-Krise verwandelte den Kanton für immer.

Die langfristigen Auswirkungen

Das Historische und Völkerkundemuseum zeigt bis 28. Februar 2016 drei Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg. Dabei handelt es sich nicht um Militärpräsentationen – ausser, dass zur Vernissage am Freitag eine Originalgulaschkanone von 1914 aufgefahren und daraus «Spatz» serviert wird.

Dargestellt werden vielmehr wenig beachtete Aspekte und die langfristigen Auswirkungen der «Völkerschlacht» von 1914 bis 1918. Daran nahmen weltweit fast 72 Millionen Soldaten teil. 9,34 Millionen von ihnen sowie 7,8 Millionen Zivilisten starben. 21,3 Millionen Soldaten überlebten als Verwundete oder Krüppel – Prothesen wurden zum Bestseller.

Hochgradig beteiligt

Der Kern des im Historischen und Völkerkundemuseum Gebotenen ist eine Wanderausstellung. Sie wird ergänzt durch kantonale Aspekte. In der dritten Schau geht es darum, wie Künstler die Front erlebten (siehe Kasten). Das Historische und Völkerkundemuseum habe da «tolle Arbeit» geleistet, lobte Roman Rossfeld von der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich gestern bei der Medienpräsentation die Ausstellungen. Insbesondere sei auf die sonst sehr beliebte Inselperspektive verzichtet worden. Dieses Bild der «Insel Schweiz» in einem vom Krieg heimgesuchten Europa sei falsch, sagte Rossfeld. Die Schweiz war am Ersten Weltkrieg «hochgradig beteiligt» – wirtschaftlich und in Rüstung. Im Ersten Weltkrieg war das Land zutiefst zerrissen: Während General Ulrich Wille, ein gebürtiger Deutscher, und ein Grossteil der Deutschschweiz Sympathien für die Zentralmächte Deutschland und Österreich hatten, war die Romandie frankophil. Entsprechend wurde bei Kriegsausbruch 1914 vorerst nur die Grenze gegen Westen «besetzt» – um «die Franzosen in Schach zu halten».

St. Gallen 1914 bis 1918

Die von Monika Mähr gestaltete Sonderausstellung zu den St. Galler Aspekten stützt sich auf reiches Quellenmaterial. Dazu zählen Tagebücher und Biographien. 2015 sei ein guter Zeitpunkt, um sich zu erinnern, sagte Mähr vor den Medien. Im Frühling vor 100 Jahren fielen im belgischen Ypern eine halbe Million Soldaten. Die Deutschen setzten erstmals Senfgas ein. Ypern steht, wie Verdun, für den Horror des «Grossen Kriegs».

1915 fand in der Schweiz die zweite Mobilmachung statt: Nun wurde «die ganze Ostschweiz» eingezogen – vom Thurgau bis Graubünden, Männer und Pferde. Das hatte gravierende Folgen für die Stickereiindustrie und die Landwirtschaft. Der Niedergang der Textilindustrie wurde durch den Ersten Weltkrieg beschleunigt. Die soziale Not war gross. Die St. Galler Ärztin Frieda Imboden-Kaiser gründete den gemeinnützigen Frauenverein. Monika Mähr: «Viele Frauen arbeiteten an der Heimatfront.»

«Weniger deutschfreundlich»

1915 gab es im St. Galler Tagblatt einen Disput: Es wurde gewünscht, nicht allzu deutschfreundlich zu berichten. Immerhin pflege St. Gallen Wirtschaftsbeziehungen zu Grossbritannien und den USA. Sie waren Hauptabnehmer der Textilindustrie.

Da die Ostschweizer Grenzen noch nicht durch die Armee besetzt waren, blühten hier Schmuggel und Spionage: Fässer auf dem Rhein, Boote auf dem Bodensee. Dies, bis der Bundesrat dem Treiben ein Ende bereitete: Die Grenze wurde besetzt; nicht primär gegen die Deutschen, sondern gegen Schmuggler und Spione, später auch gegen desertierende Soldaten aus Osten und Süden.

Umfangreiches Programm

Die dreiteilige Ausstellung im Historischen und Völkerkundemuseum zeigt anschaulich, was Krieg ist: Diktatur der Bürokratie; vier Kartoffeln und 40 Gramm Haferflocken pro Tag als Nahrung. Tondokumente und Filme, aber auch Kriegsspielzeug ergänzen die Schau. Ein Rahmenprogramm berührt schweizerische und st. gallische Aspekte.

www.hvmsg.ch

Monika Mähr Kuratorin von «Im Atemzug der Zeit – St. Gallen 1914–1918» (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Monika Mähr Kuratorin von «Im Atemzug der Zeit – St. Gallen 1914–1918» (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Isabelle Studer Kuratorin der Ausstellung «Künstler erleben die Front» (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Isabelle Studer Kuratorin der Ausstellung «Künstler erleben die Front» (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

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