Zankapfel Lokremise

Für knapp 23 Millionen Franken soll die St. Galler Lokremise zum Kulturzentrum umgebaut werden. Glücksfall, sagt Kathrin Hilber. Luxus, findet Markus Straub. Ein Streitgespräch.

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«Die Lokremise ist für viele da»: Regierungsrätin Kathrin Hilber.

«Die Lokremise ist für viele da»: Regierungsrätin Kathrin Hilber.

Frau Hilber, warum ist der Umbau der Lokremise wichtig?

Kathrin Hilber: Sie bietet die Chance, unsere Stärken zu zeigen, und eine unserer Stärken ist das historische Erbe. Die Lokremise ist an Grösse und Bedeutung in der ganzen Schweiz einzigartig als Zeuge der Bahn-Pionierzeit. Heute definieren sich alle Kantone und Städte über ihr Kulturangebot, und die Lokremise ist etwas, was nur wir haben, eine Ergänzung zum Weltkulturerbe. Das macht unseren Standort aus und damit nimmt man uns wahr auch ausserhalb der Ostschweiz.

Herr Straub, diese Einzigartigkeit scheint Sie nicht zu überzeugen?

Markus Straub: Die Lokremise auf dasselbe Podest zu stellen wie das Weltkulturerbe, damit habe ich schon etwas Mühe. Aber grundsätzlich haben wir nichts gegen die Lokremise. Sie ist einmalig. Aber sie ist als Lokremise gebaut worden, als Unterstand, nicht geheizt. Die Investitionen in diesen Bau sind überrissen. Man könnte mit reduzierten Mitteln das Ziel erreichen, das hat der Probebetrieb gezeigt.

Also ein rein baulicher Einwand? Sie sagen einfach: zu teuer?

Straub: Richtig.

Hilber: Zum Preis ist zu sagen: 5 Millionen sind der Kauf des Landes, das ist eine strategische Baulandreserve an bester Lage. Die übrigen 17 Millionen kostet der Umbau, das ist nicht wenig, aber sehr wohl vertretbar im Vergleich zu anderen Ausgaben. Ein reiner Sommerbetrieb macht keinen Sinn, Kultur findet auch und vor allem im Winter statt. Die Aussenhülle braucht eine sanfte Renovation, das ist gewissermassen die Etikette St. Gallens, wenn man mit dem Zug einfährt. Mit den 17 Millionen wird das ganze Ensemble Lokremise, Wasserturm und Badhaus sanft renoviert.

Herr Straub, wie könnte ein Dauerprovisorium aussehen?

Straub: Wir reden von der Lokremise, dazu vom Badhaus, das eigentlich abgebrochen werden müsste, das nicht schützenswert ist. 17 Millionen sind keine sanfte Renovierung. Und dies umso mehr, weil der Zweck der Lokremise ja sehr beschränkt ist. Vier Institutionen werden in erster Linie die Lokremise nutzen. Wenn dann noch Platz bleibt, kriegen auch andere die Möglichkeit, darin Kultur zu organisieren. Dafür ist die Investition einfach zu hoch. Ich erinnere an das Mummenschanz-Haus: Damals sprach man auch vom Standortvorteil. Das Haus kam nicht, Mummenschanz ist weg – aber St. Gallen hat sich sehr wohl entwickelt.

Ist das für einen Baufachmann wie Sie denkbar, einen so kostbaren Bau verlottern zu lassen?

Straub: Nicht verlottern lassen. Das Gebäude ist gekauft, bezahlt, es gehört dem Kanton, man muss es erhalten, das muss man nicht diskutieren. Uns geht es darum, sie so zu erhalten, wie sie jetzt ist.

Hilber: Genau das machen wir. Hier wird nicht übersaniert. Der Charakter des Baus bleibt erhalten. Aber es ist ein sehr grosser Bau. Und vergleichen Sie: Wenn wir einen Verwaltungsbau erstellen, braucht es dafür 70 oder 80 Millionen. Gemessen daran oder daran, was ein Schulhaus kostet, ist das ein sehr vertretbarer Preis.

Für ein paar wenige Institutionen, wie Herr Straub kritisiert?

Hilber: Diese Institutionen sorgen für die Grundauslastung. Die Lokremise wird Räume bieten für 300 bis 400 Leute, sie soll ein Begegnungszentrum werden für alle. Das Provisorium hat gezeigt, was da alles stattfinden kann. Unser Interesse ist, dass die Lokremise möglichst viel belegt ist, dass der Betrieb wirtschaftlich wird, dass ein Gastronom eine gute Existenz aufbauen kann. Die Nutzung wird, verglichen mit heute, etwa gleich bleiben.

Straub: Das Betriebskonzept sagt klar: Es sind vier Institutionen, und die andern müssen schauen, ob noch Platz für sie ist. Hinzu kommt: Die einzelnen Räumlichkeiten werden durch die Einbauten relativ klein. Was wir aber dringend haben müssten in der Stadt St. Gallen, ist ein Mehrzwecksaal, wie ihn alle umliegenden Gemeinden haben. Mit der Lokremise kriegen wir wieder etwas, was viel kostet und unseren Vereinen nichts bringt.

Sie reden von der Blasmusik.

Straub: Ich rede allgemein von der sogenannten Volkskultur. Hier jedoch wird einmal mehr etwas gemacht, was nicht den breiten Schichten zugute kommt.

Das wäre vielleicht eine Aufgabe für Ihre Partei, sich für einen solchen Mehrzwecksaal stark zu machen – aber nicht unbedingt, dieses Anliegen gegen andere Kulturanliegen auszuspielen?

Straub: Nein, es geht mir nicht ums Ausspielen.

Hilber: Doch, ich sehe das auch so. Wir haben über diesen Punkt schon oft miteinander gestritten, und bis jetzt habe ich nie einen Tatbeweis bekommen. Ausserdem haben wir für das Eidgenössische Musikfest 2011 die Lokremise mit ins Spiel gebracht. Da braucht es grosse Räume.

Straub: Wir stellen einfach fest: In gewisse Bereiche fliessen sehr viele Gelder. Da ändert auch das Blasmusikfest nichts dran.

Der Vorwurf, ob berechtigt oder nicht, taucht ja auch in der Öffentlichkeit auf: Das sei «elitäre» Kultur für ein paar wenige. Stimmt der Einwand bei der Lokremise?

Hilber: Nein. Die Lokremise ist gerade ein Projekt, das eine grosse Vielfalt zulässt, für ein höchst unterschiedliches Publikum. Gerade weil hier das Umfeld anders ist als im Konzert- oder Theatersaal. Der Vorwurf zielt an der Realität vorbei.

«Elitär» und «volkstümlich»: Sind das nicht veraltete Gegensätze? Heute liegt der Graben eher zwischen Leuten, die an Kultur teilnehmen, vom Slam bis zur Blasmusik – und jenen Schichten, die davon ausgeschlossen sind.

Straub: Richtig, es gibt die klare Trennung zwischen denen, die Kultur konsumieren, und den andern. Vielfalt muss sein – aber die Stadt St. Gallen hat bereits ein vielfältiges Kulturangebot. Gerade haben wir mit viel Steuergeldern das Palace restauriert. Mit der Lokremise kriegen wir eine zusätzliche Kulturbaustelle mehr, von der wir nicht wissen, was der Betrieb am Ende kosten wird.

Hilber: Doch, das weiss man genau: rund 300 000 Franken, das steht in der Vorlage.

Straub: Aber de facto können die vier Institutionen die Lokremise gratis nutzen. Und von den anderen Mietern und von der Gastronomie wissen wir noch gar nicht, wie das finanziell aussehen wird.

Ist die Lokremise ein Fass ohne Boden, Frau Hilber?

Hilber: Nein, auf keinen Fall. Der Kanton tätigt eine Einmalinvestition mit dem Ziel, dass die Betreiber nachher mit ihren eigenen Mitteln auskommen. Das Provisorium hat gezeigt, dass man hier Einnahmen erzielen kann. Infrastruktur zu ermöglichen und nicht Betriebsdefizite zu tragen: das ist unsere Politik, auch beim Schloss Werdenberg oder beim Klanghaus im Toggenburg.

Straub: Genau das ist eine grundlegende Änderung im Kultursystem. Früher hat der Kanton sich an Kulturinstitutionen nur beteiligt – jetzt ist er erstmals mit hundert Prozent drin.

Hilber: Das hat der Kantonsrat 2003 so beschlossen. Es ist bemühend, wenn demokratisch gefällte Entscheide später nichts mehr wert sein sollen.

Straub: Es ist aber ebenso unser demokratisches Recht, die Lokremise in Frage zu stellen, ohne uns vorwerfen lassen zu müssen, wir seien kulturfeindlich.

Grundsätzlich gefragt: Was gibt es für Argumente, weshalb der Staat nicht Kultur fördern soll, Herr Straub? Weshalb haben es im Vergleich zu Strassen- oder zu Schulprojekten Kulturvorlagen immer viel schwerer?

Straub: Der Unterschied ist vielleicht der, dass Kultur nicht messbar ist. Kultur ist eine Gefühlssache. Strassen sind harte Fakten. Man sieht den Stau, man sieht die Autos. Das ist nicht freiwillig, ob man sie benützt oder nicht. Aber wir sind ja nicht grundsätzlich gegen Kulturförderung. Wir haben den Lotteriefonds, in dem viel Geld steckt. Auch eine Grundförderung muss sein, und auch die Lokremise hat ihren Platz – aber nicht ein Umbau für 23 Millionen.

Die Frage auch an Frau Hilber, grundsätzlich: Warum soll der Staat Kultur fördern?

Hilber: Wir haben eine Kantonsverfassung, die uns zur Kulturpflege und -förderung verpflichtet. Kultur gehört zum Leben, zu einer guten Gesellschaftsentwicklung. Das heisst aber nicht, dass der Staat Kultur machen soll – wir müssen die Rahmenbedingungen definieren und schaffen, und das heisst: die Institutionen mit ausreichenden Mitteln auszustatten.

Ein eigener Streitpunkt ist die Interessenlinie der SBB, die das Grundstück der Lokremise tangiert. Wie sind die Fakten?

Hilber: Bis 2031 passiert mit dieser Interessenlinie nichts. Das ist verbrieft im Vertrag. Für den Fall, dass der Bahnhof St. Gallen dereinst ausgebaut würde, müsste man den südlichsten Spickel der Lokremise rückbauen. Darauf achtet man jetzt beim Bau.

Straub: Wir sind sehr stark daran, den öffentlichen Verkehr auszubauen. Die SBB behalten sich vor, frühestens ab 2030 eine fünfte Perronanlage zu erstellen. Das hiesse: Das Badhaus und der Spickel der Lokremise kämen weg. Jetzt zu sagen: da passiert bestimmt nichts, ist blauäugig.

Ihr Fazit: Warum ein Nein am 30. November, Herr Straub?

Straub: Wir haben sehr viele Baustellen im kulturellen Bereich, im ganzen Kanton. Wir haben viel vor, 50 Millionen in der Stadt, 50 Millionen auf dem Land. Deshalb muss man die Gelder für Kultur sorgfältig einsetzen. Im Fall der Lokremise geht es auch einfacher.

Warum ein Ja, Frau Hilber?

Hilber: In den letzten Jahren hat St. Gallen viel dafür getan, um in der übrigen Schweiz wahrgenommen zu werden. Wir wollen zeigen, was wir haben, und mit dem etwas anfangen, was uns einzigartig macht. Dafür ist die Lokremise beispielhaft.

Interview: Peter Surber

Lokremise und Wasserturm. (Bild: Hannes Thalmann)

Lokremise und Wasserturm. (Bild: Hannes Thalmann)

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