Würdiger Abschied für die Tanne

ST.GALLEN. Kinder und Grosskinder freuten sich an der Nordmanntanne. Jetzt kommt sie als Christbaum auf den Klosterplatz und bereitet zum Abschied der ganzen Gallusstadt Freude. Für die Spenderin ist dies ein besonderes Geschenk. Denn es ist das letzte Kapitel einer langen Geschichte.

Marlen Hämmerli
Merken
Drucken
Teilen
Bereit für den geplanten Flug zum Klosterplatz: 30 Jahre stand die Nordmanntanne in Rotmonten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Bereit für den geplanten Flug zum Klosterplatz: 30 Jahre stand die Nordmanntanne in Rotmonten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Stolz und wunderschön gewachsen steht die Nordmanntanne an der Gatterstrasse in Rotmonten. Das Haus der Besitzerin überragt sie bei weitem – aber nicht mehr lange. Heute soll sie gefällt und per Helikopter zum Klosterplatz gebracht werden, wo sie während der Weihnachtszeit als Christbaum stehen soll. Damit der Flug wie geplant stattfinden kann, sind gute Sicht und Windstille nötig. Läuft alles gut, landet der Christbaum zwischen 9 und 10 Uhr. Damit beginnt das letzte Kapitel einer Geschichte, die vor 31 Jahren begann.

Länger vom Baum profitieren

Jedes Jahr begab sich Anna Rechsteiner, Spenderin der Tanne, auf die Suche nach einem Christbaum. Jedes Mal fand es die Familie schade, ihn entsorgen zu müssen. Deshalb entschied sie sich 1984 für eine etwa eineinhalb Meter hohe Nordmanntanne im Topf. «So konnten wir sie länger stehen lassen und hatten mehr davon», erzählt die Spenderin. Von Anfang an war geplant, das Bäumchen im Garten zu pflanzen. Vorerst stand es aber als Christbaum in der Stube.

Im Frühling, als der Boden nicht mehr gefroren war, wurde der Baum gesetzt. Es sei aber nicht einfach gewesen, einen genügend grossen Platz zu finden. «Uns war klar, dass die Tanne wachsen wird», sagt Rechsteiner. So pflanzte die Familie sie schliesslich hinters Haus. Dort schmückte sie den Baum aber nie wieder. «Und später war er zu gross.»

Gross und gefährlich

Der Nordmanntanne gefiel es an ihrem geschützten Standort: Jeden Frühling blühte sie und wurde über die Jahre sehr gross. «Bei manchem Sturm schwankte sie heftig. Manchmal kam sie dem Haus sehr nah», sagt Anita Scherrer, die Tochter von Anna Rechsteiner. Zudem kamen die Wurzeln dem Fundament des Hauses immer näher. Deshalb sind die beiden Frauen nun froh, wenn die Tanne wegkommt. Doch Erleichterung mischt sich sichtlich mit Wehmut. Der Baum hatte nicht nur Anna Rechsteiners Kindern, sondern auch den Grosskindern Freude bereitet.

Schönes Weihnachtsgeschenk

Nun wird er noch mehr Kinder und die Besucher des Klosterplatzes erfreuen. Die Idee, den Baum zu spenden, kam Anna Rechsteiner schon vor einigen Jahren: «Die Bäume auf dem Klosterplatz sind immer so schön.» Oft habe sie sich gewünscht, ihre Tanne könne auch dort stehen. Als vor einigen Jahren die Nachbarn ihre Tanne spendeten, meldete sich auch Anna Rechsteiner. «Die Tanne wurde begutachtet und sogar mit einer Drohne untersucht.» Und nun ist es so weit: die Gurte und Seile für den Transport sind befestigt. Die Spenderin freut sich: «Für mich ist es ein schönes Geschenk. Ich hätte nicht zusehen können, wie unsere Nordmanntanne einfach gefällt und zersägt wird.» Anita Scherrer pflichtet ihrer Mutter bei: «Aus dem einstigen Christbaum wird wieder ein Christbaum.»