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WITTENBACH: Vom Krieg ins "Kronbühl" - auf der Flucht mit behinderten Kindern

In der Stiftung Kronbühl gibt es immer mehr Kinder mit Behinderung aus Krisengebieten. Arwad al Akoub ist mit ihren fünf Kindern aus Syrien geflohen. Zwei überlebten die Strapazen nicht.
Adrian Lemmenmeier
Arwad Al Akoub mit ihrer Tochter Ghadir in einem Schulzimmer der Stiftung Kronbühl. (Bild: Benjamin Manser)

Arwad Al Akoub mit ihrer Tochter Ghadir in einem Schulzimmer der Stiftung Kronbühl. (Bild: Benjamin Manser)

Arwad Al Akoub schiebt ihre Tochter Ghadir durch den Gang des Schulgebäudes der Stiftung Kronbühl, wo Kinder mit schwerer Behinderung betreut und unterrichtet werden. Der Rollstuhl fährt vorbei an farbigen Kinderzeichnungen und an metallenen Gehhilfen. Ghadir ist mehrfach körperlich und geistig behindert. Sie kann weder gehen noch sprechen. Als ihre Mutter den Rollstuhl für das Foto positioniert, röchelt sie leise.

«Ghadir hat grosse Fortschritte gemacht», sagt Arwad al Akoub. «Sie ist aktiver und freut sich jeden Tag auf den Unterricht.» Seit Oktober 2016 geht Ghadir in der Stiftung Kronbühl zur Schule. Ein Jahr zuvor ist sie mit ihrer Familie in die Schweiz kommen, geflohen vor dem Krieg in Syrien.

Flucht über den Libanon

«Wir wohnten nahe der Stadt Hama, vier Stunden von Damaskus entfernt», erzählt Arwad Al Akoub. Ihr Mann arbeitete als Plattenleger, Arwad kümmerte sich um die fünf Kinder, von denen drei – Ghadir, Ahmed und Ibrahim – eine Behinderung hatten. «Wir lebten ganz normal.» Doch der Krieg stellte das Leben der Familie auf den Kopf. Das Krachen der Bomben versetzte die Kinder in stetige Angst. «Ghadir zuckte bei jeder Erschütterung zusammen, als erhielte sie einen elektrischen Schlag», erzählt Arwad Al Akoub. Die Gesundheit der Kinder verschlechterte sich. «Ghadir lag einen ganzen Monat im Spital.» Noch schlechter erging es ihrem Bruder Ibrahim: Bevor sich die Familie auf die Flucht begab, verstarb er in Syrien.

Die Familie Al Akoub reiste daraufhin in den Libanon aus. «Mein Mann flüchtete als erster, um Arbeit und eine Wohnung zu finden», so Al Akoub. Dann folgte Arwad selbst zusammen mit Ghadir und Ahmed. Sie reisten in einem Sammeltaxi. Die beiden anderen Kinder, Mahmud und Chaled, blieben vorerst bei der Grossmutter, kamen aber nach, als sich die Situation in Syrien verschlimmerte. «Wir dachten zuerst, der Krieg sei in drei Monaten vorbei», sagt Al Akoub.

Doch die Familie blieb drei Jahre im Libanon. Die Kinder waren oft krank, hohe Luftfeuchtigkeit setzte ihnen zu. «Ghadir und Ahmed mussten sehr oft zum Arzt», sagt Al Aloub. «Jede Konsultation mussten wir selber bezahlen.» Ahmed ging es immer schlechter, er musste in ein Krankenhaus. «Als ich ihn ins öffentliche Spital brachte, sagte man mir, es gebe keinen Platz.» Geld für eine Privatklinik fehlte. «Ich flehte die Ärzte an. Aber als man ihn endlich ins Spital liess, wurde er nicht behandelt.» Ahmed erholte sich nicht mehr; die Al Akoubs verloren ihr zweites Kind.

Unterdessen hatte ein Nachbar die Familie beim internationalen Resettlement-Programm für Flüchtlinge angemeldet, an dem die Schweiz seit 2013 in einem Pilotversuch beteiligt ist. «Anfänglich wollten wir nicht weg», sagt Al Akoub. Erst nach Ahmeds Tod entschied sich die Familie, dem Programm beizutreten und auszureisen.

Zwei verschiedene Paar Schuhe

In Syrien behinderte Kinder zu haben und in der Schweiz – das seien zwei verschiedene Paar Schuhe, sagt Arwad Al Akoub. In Syrien kümmere sich nur die Familie um die Kinder. «Ausserhalb der Familie bist du allein.» Auch habe Ghadir dort keinen Rollstuhl gehabt. «Ich transportierte sie in einem normalen Kinderwagen», sagt Al Akoub. «Aber ich nahm sie ohnehin selten aus dem Haus.» In der Schweiz sei die Situation umgekehrt: Eine Familie, die sie unterstützt, hat Arwad Al Akoub hier nicht. Dafür ein staatliches System, auf das man zählen könne. In Syrien gebe es zwar auch ein Heim für Schwerbehinderte. Aber: «Wer sein Kind dort abgibt, sieht es nur noch selten.»

In Wittenbach wohnen die Al Akoubs seit eineinhalb Jahren. «Mein Mann hat sofort eine Stelle gefunden.» Und nicht nur er, sondern auch Arwad. Sie ist bei der Stiftung Kronbühl angestellt, arbeitet in der Mittagsbetreuung und ist stets in der Nähe ihrer Tochter. «Ich bin einfach unglaublich glücklich», sagt sie auf die Frage, ob sie noch irgendetwas ergänzen möchte.

Flucht mit Behinderung

Weltweit sind etwa zehn Millionen Menschen mit Behinderung auf der Flucht, so die Schätzung der Hilfsorganisation «Licht für die Welt», die sich für Behinderte Menschen in Armutsgebieten einsetzt.

In der Stiftung Kronbühl hat die Zahl von Kindern und Jugendlichen aus Krisengebieten in den letzten Monaten zugenommen. Deshalb führt die Stiftung morgen Mittwoch eine Tagung zum Thema Flüchten mit Behinderung durch. Fachleute aus den Bereichen Heilpädagogik, Asylwesen, Psychologie und Medizin halten Vorträge.

Behinderung unterschiedlich wahrgenommen

Der Umgang mit behinderten Flüchtlingen ist für manche Pädagogen und Betreuer Neuland. «Eine grosse Herausforderung ist sicher die unterschiedliche Wahrnehmung von Behinderung in verschiedenen Kulturen», sagt Markus Bigler, Heimarzt der Stiftung Kronbühl und zuständiger Arzt beim Asylzentrum Landegg. Während in manchen Kulturen Behinderung als Schicksal interpretiert werde, sehe man sie anderswo etwa als bösen Fluch. Oft hätten Eltern Angst, ihre Kinder in ein Heim zu geben, weil sie in ihrer Heimat nichts Vergleichbares kennen. «Sie glauben, man nehme ihnen ihr Kind weg», sagt Bigler. Meistens seien die Eltern aber einfach sehr dankbar. (al)

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