WITTENBACH: Sprayer-Oma: "Ich habe eine grosse Schnauze, aber ein Herz aus Gold"

Der Rummel um Anneliese Adolph alias «die Sprayer-Oma» will kein Ende nehmen. Es hat sich eine grosse Fangemeinde gebildet. Ob nun die Fussballverbotstafeln abmontiert werden, steht nicht fest.

Angelina Donati
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Für ihren Mut erhält Anneliese Adolph Zuspruch von überall. Dabei wollte sie sich selbst nie in den Vordergrund stellen. (Bild: Benjamin Manser)

Für ihren Mut erhält Anneliese Adolph Zuspruch von überall. Dabei wollte sie sich selbst nie in den Vordergrund stellen. (Bild: Benjamin Manser)

Angelina Donati

angelina.donati

@tagblatt.ch

In Ruhe einkaufen – das war einmal. Die 85-jährige Anneliese Adolph aus Wittenbach wird gefeiert wie ein Star. «Sobald mich jemand sieht, scharen sich alle um mich», erzählt sie. Berühmt wurde sie, weil sie eine Fussballverbotstafel im Obstgarten-Quartier kurzerhand mit einer Spraydose übermalte («Tagblatt» vom 4. Oktober). Um sie hat sich nun eine grosse Fangemeinde gebildet. Die einen erkundigen sich nach ihrem Wohlergehen, «Na, wie geht’s dir, Sprayer-Oma?», andere bedanken sich für ihren mutigen Einsatz für die Kinder und wieder andere halten die Karikatur «St.Galler Bär», die am Samstag im «Tagblatt» erschienen ist, in den Händen, und «kriegen sich vor Lachen kaum mehr ein».

Bild: Corinne Bromundt

Bild: Corinne Bromundt


Abgelenkt von den begeisterten Passanten, vergass die Seniorin neulich sogar, ihre eingekauften Sachen in die Tasche zu packen. «Erst etwas später dachte ich, dass meine Tüte ganz schön leer ist», sagt Anneliese Adolph und lacht. So oder so, fürs Einkaufen müsse sie sich nun viel mehr Zeit nehmen als üblich.

Lobende und auch «hässliche» Worte

Der ganze Rummel um ihre Person stört Anneliese Adolph nicht, wie sie sagt. Dennoch betont sie, dass sie nie beabsichtigt habe, berühmt zu werden. Wer hätte schon wissen können, dass ihre Geschichte so weite Kreise ziehen würde. «Es geht mir um die Kinder. Und für die Kinder kämpfe ich bis zum Ende.» Fast schon entschuldigend sagt die gebürtige Deutsche: «Ich habe eine grosse Schnauze, aber ein goldenes Herz.» Das sei eine gängige Beschreibung der Berliner. Ihre Familie sei sehr stolz auf sie. Erst gerade beim letzten Treffen übergab ihr die eine Tochter einen Stapel mit ausgedruckten Online-Kommentaren. «Ich habe alle durchgelesen», sagt Anneliese Adolph. Dass so viele Leute ihre Meinung teilen, macht sie glücklich.

Obwohl die allermeisten Leute sie für ihre Aktion loben, gibt es auch ein paar, die sich negativ äussern. «Das ist auch gut so», meint die Senioren. «Jeder soll seine eigene Ansicht haben und äussern dürfen.» Nur wenn zu scharf, will heissen, beleidigend, geschossen werde, habe die Seniorin Mühe. So geschehen auch in ein paar «hässlichen Briefen», die sie per Post erhalten habe. Diese habe sie in kleine Stücke zerrissen und weggeworfen.

Die positiven Reaktionen würden allerdings klar überwiegen. Ob Brief, Kärtchen oder Postkarte: In zahlreichen Zuschriften wird die «Sprayer-Oma» in höchsten Tönen gelobt. «Sogar aus Genf gab es Post», freut sie sich und zeigt auf eine Karte, die mit den Worten «bravo Madame» beginnt. «Wenn ich nur wüsste, wie ich mich bei all diesen Leuten bedanken könnte», sagt die Seniorin. «Diese vielen Reaktionen sind mir nicht gleichgültig.» Genau wie auch die Kinder, die kürzlich vor ihrer Haustüre standen und ihr Leid klagten. Anwohner würden sie nun auch noch beschimpfen, wenn sie, statt Fussball zu spielen, sich anderweitig draussen beschäftigten oder einfach nur fröhlich seien. «Im ersten Moment war ich derart perplex und traurig, dass ich nach dem Gespräch nur noch geweint habe», sagt die Seniorin.

Wie es mit dem Fussballverbot auf den Wiesen im Obstgarten-Quartier weitergeht, ist unklar. Von Seiten der Verwaltung gibt es gegenüber dem «Tagblatt» keine weitere Stellungnahme. Vergangene Woche hiess es, dass das Verbot vorerst weiter bestehe, so die karge Aussage.