WITTENBACH: «Sie haben alles vergantet»

Ernesto Schneider half einst bei der Renovation des Schlosses Dottenwil. Nun kehrt er mit einer ­Ausstellung seiner Bilder an die einstige Wirkungsstätte zurück. Sie zeugen von düsteren Zeiten.

Noemi Heule
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Der Stumpen darf nicht fehlen: Ernesto Schneider vor der Nachbildung von Rubens’ «Der Sieg und Tod von Decius Mus». (Bilder: Hanspeter Schiess)

Der Stumpen darf nicht fehlen: Ernesto Schneider vor der Nachbildung von Rubens’ «Der Sieg und Tod von Decius Mus». (Bilder: Hanspeter Schiess)

Noemi Heule

noemi.heule@tagblatt.ch

Im Schloss Dottenwil herrscht Rauchverbot. Eigentlich. Nur Ernesto Schneider darf ungestört paffen. Denn der Stumpen gehört in seinen Mundwinkel wie der Turm zum Schloss. Der Toscano bleibt dort, selbst nachdem die Glut längst erloschen ist. Auch während er spricht, bleibt die linke Gesichtshälfte unbewegt, damit der Stumpen nicht an Halt verliert.

Ernesto Schneider hat sich mit seinen Werken in der Gallerie im Nebengebäude eingerichtet. Üppige Gemälde im barocken Stil zieren die weissen Kellerwände, Nachbildungen und Interpretationen niederländischer Altmeister: Stillleben von Vermeer, Schlachtgemälde von Rubens, Porträts von Rembrandt.

Letzterer und sein Werk hat für Schneider eine besondere Bedeutung. «Vor allem jene Bilder, die er in dunklen Zeiten, an seinem Lebensende malte», sagt der 75-Jährige, der die Biographien der abgebildeten Künstler bis ins Detail kennt. Nach einem Konkurs wurde Rembrandt sein Haus entrissen, seine Bilder verpfändet, und er kam 1649 völlig verarmt im jüdischen Viertel – dem damaligen Armenviertel Amsterdams – unter.

Erzählt Ernesto Schneider von seiner eigenen Biographie, fällt es schwer, seinen Ausführungen zu folgen. Immer wieder verliert er sich in den Details seiner Lebensgeschichte. Dennoch sind Parallelen offensichtlich: Auch er ging einst mit seiner Einmannfirma in Konkurs. «Alles haben sie vergantet», sagt er in breitem Rheintaler Dialekt. Auch seine Bilder kamen unter den Hammer. Aus dieser Zeit blieb ihm lediglich ein Ölgemälde, das sein Bruder an der Auktion ersteigerte.

«Politiker pissen auf das nackte Volk»

Die Ausstellung im Schloss Dottenwil, deren Vernissage morgen stattfindet, ist deshalb seine erste überhaupt. Neben Interpretationen alter Meister sind auch zwei Originalwerke darunter. Mit einer himmelblauen Farbpalette heben sie sich von den düsteren Barockgemälden ab. Ein Werk zeigt mit der «dicken Berta» eine Kindheitserinnerung Schneiders. Die fettleibige Frau wurde früher am Jahrmarkt zur Schau gestellt.

Das andere Werk macht seinem Ärger über die Behörden Luft: Es zeigt das Schloss Dottenwil; auf dessen Dach thronen zwei Regierungsräte, «sie pissen auf das nackte Volk», erklärt er. Dieses werde von der Politik ausgenommen. Ihnen bleibe nichts als ihr eigener Körper.

Für ihn war das Schloss Dottenwil einst Zufluchtsort, als er selbst fast nichts mehr hatte. Er erhielt Arbeit, um bei der Renovation mitzuhelfen. Rund fünf Jahre war er dort beschäftigt, bevor er von Wittenbach nach Rü­thi zügelte. «Für das Schloss war er ein Glücksfall», sagt Gerold Huber, der ihn damals kennen lernte und nun die Ausstellung organisiert. Denn Schneider könne handwerklich «einfach alles». Nach einer Stifti als Maler arbeitete dieser lange als Kulissen­maler, später als Restaurator. Die Techniken dazu brachte er sich selber bei, genauso wie die Öl­malerei.

Stumpenschachtel statt Signatur

Viele Räume im Schloss tragen seither seine Handschrift. Allen voran das Turmzimmer, das er selbst ausgestaltete. Der Raum wird zur Illusion eines südländischen Pavillons, bewachsen und mit bunten Vögeln bevölkert. Eine Signatur trägt das Gesamtkunstwerk nicht. Versteckt in einer Ecke hat Ernesto Schneider aber sein Markenzeichen verewigt: eine Schachtel Toscani-Stumpen.

Ausstellung

Vernissage «Ernesto»: morgen Samstag, 17 Uhr, Galerie Schloss Dottenwil. Ausstellung: 11. Februar bis 17. April, Samstag 14 bis 20 Uhr, Sonntag 10 bis 18 Uhr.

Ernesto Schneider malt vor Ort weitere Ölbilder.