WITTENBACH: Pfarrer für alle Englischsprachigen

Scotty Williams aus Louisiana ist der neue Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen für die englischsprachigen Gläubigen. Für den Job ist er nach Wittenbach gezogen. Sein Vorbild ist Bruder Tuck aus Robin Hood.

Nina Rudnicki
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Scotty Williams kümmert sich nicht nur um die englischsprachigen Gläubigen im Kanton. (Bild: Michel Canonica)

Scotty Williams kümmert sich nicht nur um die englischsprachigen Gläubigen im Kanton. (Bild: Michel Canonica)

WITTENBACH. In seinen neuen Wohnort Wittenbach hat sich Scotty Williams schnell verliebt. Einerseits wegen der vielen Bewohner aus verschiedenen Herkunftsländern und deren guter Integration, andererseits wegen der Landschaft. «Immer wenn ich an einen neuen Ort komme, dann suche ich nach einer <grünen Kathedrale>», sagt der Pastor aus Louisiana, der seit diesem Jahr in Wittenbach wohnt und für die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen englischsprachige Gläubige betreut. «Als <grüne Kathedrale> bezeichne ich Orte, die zwar mitten in der Zivilisation liegen, aber trotzdem so abgeschieden sind, dass man kaum Geräusche hört.» In Wittenbach liegt dieser Ort auf einem kleinen Hügel, der von Wald umgeben ist, und von wo aus man sowohl den Bodensee als auch die Berge sieht. «Es ist ein <Thin Place>, also ein Ort, an dem die Grenze zwischen Himmel und Erde so nahe scheint, dass man sie fast überschreiten kann», sagt er.

Für viele Nationen

Scotty Williams spricht Englisch, Kreolisch und lernt seit sechs Jahren auch Aargauerdeutsch. Er zog der Liebe wegen von den USA in den Aargau. Von dort aus arbeitete er als Pastor für die International Protestant Church of Zurich. Nun hat ihn die Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen angestellt, um die Gemeinde All Souls, was so viel bedeutet wie alle Seelen, aufzubauen (Tagblatt vom Donnerstag). Es handelt sich dabei um englische Gottesdienste und Bibelstudien in den Kirchen Rotmonten und St. Mangen in der Stadt St. Gallen. «All Souls soll nicht nur eine Dienstleistung für englischsprachige Kirchenmitglieder sein», sagt der 33-Jährige. «Ziel ist es auch, Leute anzusprechen, welche die Kirche nicht kennen oder die wütend auf die Kirche sind.»

Seit Ostern hat Scotty Williams mittlerweile elf Gottesdienste gehalten. Der nächste findet morgen Sonntag in der Kirche St. Mangen statt. Dabei soll auch den Opfern des Attentats in Florida gedacht werden. Die Gottesdienstbesucher setzen sich laut Williams zusammen aus Menschen aus verschiedenen Ländern und unterschiedlichster Herkunft – auch aus der Schweiz. «Bei den Schweizern handelt es sich oft um Personen, die in der Schweiz nicht zur Kirche gingen, dann auswanderten und im Ausland religiös wurden», sagt er. «Zurück in der Schweiz können sie sich am ehesten mit den englischen Gottesdiensten identifizieren.»

Spiritualität und Dialog

Der grösste Unterschied zwischen der Arbeit als Pastor in Amerika und der Schweiz ist der Stellenwert der Religion in der Gesellschaft. In den USA gibt es viel mehr verschiedene Religionsgemeinschaften. Der Glaube ist im Alltag viel wichtiger, während die Menschen hier zurückhaltender sind. «Das hat auch etwas Positives», sagt Williams. «Denn während Religion für die Amerikaner derzeit immer unwichtiger wird, befinden sich die Schweizer bereits in einer postsäkularen Phase.» Das heisse, der Glaube habe für sie in den vergangenen Jahren zwar keine sehr grosse Rolle gespielt. Allerdings würden sich viele Schweizer derzeit wieder für Religionen interessieren. «Sie setzen sich mit Spiritualität auseinander und sind offen für den Dialog mit den verschiedensten Glaubensrichtungen.»

Friar Tuck als Vorbild

Die englischen Gottesdienste in St. Gallen besuchen nebst den Evangelisch-Reformierten auch Lutheraner, Baptisten, Methodisten, Presbyterianer und Katholiken. Scotty Williams selbst ist Presbyterianer und kennt sich mit den verschiedenen christlichen Konfessionen bestens aus. Er wuchs in einer katholisch-baptistischen Familie auf und besuchte eine afroamerikanische Baptistengemeinde. Als jungen Mann faszinierte ihn dann die Theologie der Orthodoxen Kirche und der Presbyterianer. Letztere, weil sie im Gegensatz zu den Baptisten eine Kindertaufe kennt. «Und weil es bei den Presbyterianern mehr darum geht, was man denkt. In der Baptistengemeinde, in der ich aufwuchs, ging es hingegen stark darum, was man fühlt», sagt er. Daher beschloss er, den Presbyterianern beizutreten. Dass er Pfarrer werden wollte, wusste Williams aber schon sehr viel früher. Er sagt: «Als ich als Zehnjähriger im Film Robin Hood den grossherzigen und mutigen Pfarrer Friar Tuck sah, war klar, dass ich genauso werden will.»