Wittenbach: Nicht jedem Trend folgen

Ohne dauernde organisatorische Anpassungen kommt in der heutigen, schnelllebigen Zeit kein Unternehmen, das Erfolg haben will, mehr aus. Dasselbe gilt je länger, je mehr sinngemäss auch für ein Gemeinwesen.

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Ohne dauernde organisatorische Anpassungen kommt in der heutigen, schnelllebigen Zeit kein Unternehmen, das Erfolg haben will, mehr aus. Dasselbe gilt je länger, je mehr sinngemäss auch für ein Gemeinwesen. Die Bürgerschaft erwartet, dass die Verwaltung innovativ ist und sich Neuerungen nicht verschliesst. Dem Zeitgeist folgend, ist die Gefahr, dass eingespielte, sich bewährte Formen allzu schnell ersetzt werden, allgegenwärtig.

Erstes Beispiel: Regionale Schulgemeinde Grünau. In den 1970er-Jahren kündigte die Schulverwaltung der Stadt St. Gallen den Landgemeinden die Aufnahme ihrer Sekundarschüler. Auf Empfehlung und Unterstützung des Erziehungsdepartements beschloss der damalige Primarschulrat die Schaffung eines eigenen Oberstufenzentrums. Die Vorlage war damals ein Wagnis. Jedenfalls war die Beteiligung der Gemeinden Muolen und Berg bei der Kreditvorlage sehr willkommen und trug wesentlich zum positiven Abstimmungsergebnis bei. Berg und Muolen erwarteten anderseits, den Schulunterricht für ihre Kinder uneingeschränkt sichern zu können.

Heute sind Fusionen gang und gäbe. Es stellt sich daher die berechtigte Frage, warum ein gut funktionierendes Gebilde, das im derzeitigen Trend des Zusammenschlusses liegt, «zerschlagen» werden soll. Es sind keine Fakten bekannt, welche die gut aufgestellte Regionalität des Oberstufenzentrums in Frage stellen könnten. Die Auflösung der Regionalen Schulgemeinde würde Berg und Muolen die gleichberechtigte Mitsprache entziehen. Ob es für Wittenbach interessant wäre, wenn sie künftig anstelle von Steuern ein Schulgeld kassieren würde, bleibt offen. Meines Erachtens ist es nicht opportun, unter den derzeitigen Verhältnissen über die Auflösung der Regionalen Schulgemeinde weiter zu diskutieren, da sie reibungslos funktioniert. An der Sitzung vom 11. Mai haben die Parlamentarierinnen den richtigen Weg eingeschlagen. Es ist zu hoffen, dass sie sich in der gegenwärtig bewegten Phase nicht davon abbringen lassen.

Zweites Beispiel: Einheitsgemeinde Wittenbach. Einheitsgemeinden liegen im Trend. Aber noch selten hörte man hinterher Kommentare, seien es positive oder negative, über die gemachten Erfahrungen. Wären die positiven Aspekte eklatant, sollte man darüber eigentlich mehr vernehmen. Ich bezweifle, dass eine Einheitsgemeinde der Bürgerschaft die Übersicht erleichtert. Bei getrennten Gemeinden haben wir klar aufgeteilte Verantwortungsbereiche. Schon heute ist es für viele Bürgerinnen und Bürger nicht einfach, aus dem umfangreichen Zahlenmaterial in den Jahresrechnungen die gesuchten Informationen abzurufen. Wie soll das geschehen, wenn die Zahlen «ineinandergeschachtelt» vorliegen? Selbst wenn zum Beispiel für den Schulbetrieb eine Kommission vorhanden ist, müssten wichtige Beschlüsse im Gremium der Politischen Gemeinde entschieden werden. Daraus resultiert eine nicht zu unterschätzende Mehrbelastung der Ratsmitglieder. Dies dürfte dazu führen, dass es noch schwieriger wird, Interessenten zu finden, die bereit sind, im Nebenamt für die Gemeinde tätig zu sein. Die Variante Vollamt würde unweigerlich teurer. Damit sind wir bei den Finanzen. Sich mit der Einheitsgemeinde anfreunden dürfte die Mehrheit der Bürgerschaft erst dann, wenn der Schritt sich auch finanziell lohnt. Dazu ist eine Gegenüberstellung der einschlägigen Kosten beim Status quo und nach Einführung der Einheitsgemeinde nötig. Dabei muss man erwarten können, dass mit Details nicht gespart wird. Das Offenlegen von Spitzengehältern darf dabei kein Tabu sein.

Bei kritischer Betrachtung erkennt man, dass es keinen Sinn macht, jeder Modeströmung zu folgen, ohne eklatante Vorteile zu erkennen.

Josef Herzog ehemaliger Schulratspräsident Erlackerstrasse 55, Wittenbach