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WITTENBACH: Giovanni Pedersoli – der Mann, der im Bruggwaldtunnel lebendig begraben wurde

Demnächst wird der Bruggwaldtunnel saniert. Als er vor über 100 Jahren gebaut wurde, kam es zur Katastrophe: Der Tunnel stürzte ein. Sieben italienische Arbeiter starben. Einer lag elf Tage unter den Trümmern – und überlebte.
Adrian Lemmenmeier
«Wie im Paradies» – Giovanni Pedersoli nach seiner Rettung im Kantonsspital St. Gallen. Aufgenommen am 12. Juli 1909, 11 Uhr mittags. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

«Wie im Paradies» – Giovanni Pedersoli nach seiner Rettung im Kantonsspital St. Gallen. Aufgenommen am 12. Juli 1909, 11 Uhr mittags. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

Der Bruggwaldtunnel ist eingestürzt. Diese Meldung macht am Dienstagabend, 22. Juni 1909, in St. Gallen die Runde. Erst vor wenigen Wochen ist im 1733 Meter langen Tunnel der Bodensee-Toggenburgbahn zwischen Wittenbach und St. Fiden der Durchstich gelungen. Jetzt liegen dort italienische Arbeiter unter meterweise Schutt. Die Unglücksstelle befindet sich gut 200 Meter hinter dem Nordportal beim Wittenbacher Ödenhof. Vor Ort herrscht Chaos: Arbeiter räumen Trümmer weg und suchen ihre Kameraden. Ein Toter wird auf einem Rollwagen aus dem Tunnel gekarrt. Dumpfe Hilferufe ertönen.

Was ist geschehen? Noch am Nachmittag habe man ganz normal im Tunnel gearbeitet, erzählt ein Arbeiter einem Reporter des «St. Galler Tagblatts». «Doch plötzlich kracht unter furchtbarem Getöse das Gewölbe zusammen.» Erdmasse rutscht schräg über den Tunnel in die Tiefe. Fünf Einbauringe, die das Gewölbe stützen, fallen wie Kartenhäuser.

Arbeiter posieren neben einer Lokomotive vor dem Südportal des Bruggwaldtunnels. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

Arbeiter posieren neben einer Lokomotive vor dem Südportal des Bruggwaldtunnels. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

Schwierige Bergungsarbeiten

Am nächsten Tag ist über der Einsturzstelle in Wittenbach zwischen den Obstbäumen ein Trichter zu sehen. Er wächst stets, weil weiterhin Schutt in den Tunnel hinunter rutscht. Das behindert die Bergungsarbeiten, so dass die Mineure nicht nach ihren Kameraden graben können, ohne sich selbst in Lebensgefahr zu begeben. Sie sehen leblose Körper, können sie aber nicht bergen. Leichengeruch kommt ihnen entgegen. Derweil zieht der Krater in Wittenbach so viele Schaulustige an, dass die Feuerwehr für Ordnung sorgt. Die Arbeiterschaft aber «verhält sich fortwährend ruhig», wie das «St. Galler Tagblatt» schreibt.

Weil die Erdmasse in den Tunnel rutschte, tat sich in Wittenbach zwischen Obstbäumen ein Trichter auf. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

Weil die Erdmasse in den Tunnel rutschte, tat sich in Wittenbach zwischen Obstbäumen ein Trichter auf. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

Vier Tage nach dem ersten Einsturz vermeldet die Bodensee-Toggenburgbahn, dass insgesamt zwölf italienische Arbeiter verschüttet sind. Zwei davon wurden unverletzt ausgegraben, einer hat sich schlimm an einer Grubenlampe verbrannt. Ein vierter liegt mit Schädelbruch im Kantonsspital. «Von den übrigen acht kann mit Sicherheit angenommen werden, dass sie tot sind», vermeldet die Bahngesellschaft. Man nehme an, dass sie im «weichen Mergel- und Triebsand den Erstickungstod gefunden haben», schreibt das «St. Galler Tagblatt».

Unter den Totgeglaubten ist auch ein 21-jähriger Italiener aus der Gegend von Brescia: Giovanni Pedersoli. Als ihn die Bodensee-Toggenburgbahn für tot erklärt, liegt er bereits mehrere Tage auf der Sohle des zugeschütteten Stollens. Bis zu den Achseln in einer Pfütze, eingesargt zwischen zwei schweren Balken, die gut 40 Zentimeter voneinander entfernt sind – überdeckt von schweren Brettern und etwa 20 Metern Schutt. Um zu überleben, saugt Pedersoli Wasser aus seiner Kleidung. Später wird er dem untersuchenden Arzt sagen, er habe sich gar nicht gefürchtet im Stollen.

«Wer da?» – «Pedersoli, Giovanni»

Sechs Tage nach dem ersten Einsturz. Arbeiter hören Hilferufe im Rettungsstollen. «Wer da?» – «Pedersoli Giovanni», ertönt es aus den Trümmern. Daraufhin – nachdem Tage zuvor Hilferufe aus dem Tunnel als wilde Gerüchte abgetan worden sind – graben die wackeren Italiener mit übermenschlichem Elan einen kleinen Stollen, um Pedersoli zu erreichen. Weil dicke Bretter und umgestürzte Grubenwagen den Weg versperren, müssen sie Umwege graben. Pedersoli ruft durch die Schuttwand, er liege im Wasser, habe aber den Kopf frei. Ausserdem habe er unglaublichen Hunger. Die Meldung, dass man ihm daraufhin über ein langes Stahlrohr Milch in den Mund geträufelt habe, wird später als Gerücht entlarvt. Immer wieder Hindernisse; bis zur Rettung vergehen weitere vier Tage. Dann, in den Morgenstunden des 2. Juli, sieht Pedersoli das Licht der Grubenlampen. Die Arbeiter ziehen ihn aus seinem Ungemach, wickeln ihn in warme Teppiche und tragen ihn in ein Zimmer nahe des Wittenbacher Tunnelportals, das seit Tagen vorgeheizt ist.

Arbeiter tragen Giovanni Pedersoli auf einer Bahre aus dem Tunnel. (Bild: PD)

Arbeiter tragen Giovanni Pedersoli auf einer Bahre aus dem Tunnel. (Bild: PD)


Durch diesen senkrechten Stollen stiessen die Arbeiter auf Pedersoli. Sie zogen ihn an den Füssen raus und wickelten ihn in warme Teppiche. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

Durch diesen senkrechten Stollen stiessen die Arbeiter auf Pedersoli. Sie zogen ihn an den Füssen raus und wickelten ihn in warme Teppiche. (Bild: PD/Staatsarchiv St. Gallen)

Bald darauf sitzt Giovanni Pedersoli im Kantonsspital Dr. Zangger gegenüber. Dieser hält Folgendes über den Geretteten fest: Pedersoli gebe an, «er fühle sich wie im Paradies». Nur habe er Hunger und verlange nach Wein und Fleisch. Der Arzt stellt «keine Spur von Furcht oder Ängstlichkeit» fest, bemerkt aber, der an sich unverletzte Patient schwatze «ständig armseliges Zeug». Er habe keine Vorstellung, wie lange er im Stollen war: Eine Nacht, zehn Tage, ein Jahr? Gleichwohl betone Pedersoli, dass er in den zehn Tagen, in denen er im Tunnel lag, 50 Franken verdient hätte. Und dass er auf den verpassten Lohn bestehe.

Pedersoli erholt sich schnell. Von der Versicherung erhält er tausend Franken zugesprochen. Er reist nach Italien zurück. Die Tunnelarbeiter treten in einen Streik, den sie bereits während des Unglücks angedroht haben. Die Retter Pedersolis werden vom italienischen Vizekonsul mit einer Medaille geehrt. An die sieben Italiener, die im Bruggwaldtunnel ihr Leben liessen, erinnert eine Steintafel am Bahnhof Wittenbach. Gleich neben dem Veloständer.

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