WITTENBACH: «Es gibt keinen besseren Beruf»

Sie prägten jahrzehntelang das Gesicht des OZ Grünau. Tschösä Lutz 38 Jahre als Seklehrer, Hansruedi Rehm 31 Jahre als Reallehrer. Ein Gespräch über Medienstress, Schülerausreden, Lagerleben und Pensionspläne.

Corinne Allenspach
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Hansruedi Rehm (links) und Tschösä Lutz unterrichteten ihr Berufsleben lang in der Grünau. (Bild: Ralph Ribi)

Hansruedi Rehm (links) und Tschösä Lutz unterrichteten ihr Berufsleben lang in der Grünau. (Bild: Ralph Ribi)

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Sie beide haben jahrzehntelang Jugendliche bis zum Eintritt in die Berufswelt begleitet. Wären Sie nochmals in diesem Alter: Würden Sie wieder Lehrer werden?

Hansruedi Rehm: Ich schon. Mir ging es immer darum, mit Jugendlichen zu tun zu haben. Als Lehrer ist man relativ selbstständig, nicht einfach Befehlsempfänger.

Tschösä Lutz: Ich würde auch wieder Lehrer werden. Es gibt keinen besseren Beruf. Jeder Tag ist anders, man ist mit Menschen zusammen, die Jugendlichen sind spannend. Und nebst den geregelten Arbeitszeiten hat man viele Freiräume, um seine Arbeit einzuteilen. Es interessiert zum Beispiel niemanden, ob ich eine Prüfung am Mittwochnachmittag korrigiere oder erst spät abends.

Trotzdem kehren viele junge Berufskollegen der Schule nach wenigen Jahren den Rücken. Haben Sie je mit diesem Gedanken gespielt?

Lutz: Nein, nie. In jedem anderen Beruf bist du mehr eingeengt und hast weniger mit Leuten zu tun. Ich kann es mir zudem nicht ­vorstellen, dass man es an einer Schule besser haben kann als bei uns. Wegen des ganzen Teams, aber auch wegen des Wohlwollens und der Unterstützung von Schulleitung und Schulrat. Das ist sicher auch ein Grund, warum wir eine geringe Fluktuation haben. Wir sind ja längst nicht die letzten Urgesteine in der Grünau.

Hansruedi Rehm, Sie haben ursprünglich die Ausbildung zum Seklehrer absolviert, arbeiteten aber all die Jahre als Reallehrer. Warum?

Rehm: Es hat mir schon immer mehr zugesagt, mit den Jugendlichen zu arbeiten, als den Stoff in den Vordergrund zu stellen.

Das ist aber auch anspruchsvoller.

Lutz: Aus psychologischer Sicht ist die Arbeit als Reallehrer sicher anspruchsvoller. In der Sek hat der Stoff einfach mehr Gewicht.

Rehm: In der Sek haben die Schüler dafür mehr Fragen. Entscheidend auf der Realstufe ist auch immer: Wo stehen die Eltern?

Stichwort Eltern. Welchen Einfluss haben sie auf der Oberstufe?

Rehm: Heute ist es sicher so, dass Eltern zuerst dem Kind glauben, wenn es daheim etwas erzählt.

Lutz: Ja, das hat sich sicher verändert. Trotzdem ist der Einfluss der Eltern bei uns auf dem Land noch nicht so stark, wie man es beispielsweise aus Zürich hört.

Rehm: Auf der Realstufe ist es zudem so, dass man in der Regel auf die Eltern zugehen muss und sie nicht einfach vor der Tür stehen. Im gemeinsamen Gespräch findet man aber meist einen guten Konsens zum Wohle des Kindes.

Tschösä Lutz, fast vier Jahrzehnte im gleichen Beruf. Was ist gleich geblieben?

Lutz: Ich würde sagen, 90 Prozent. Die Schüler waren immer zwischen 13 und 16 Jahre alt, sie hatten immer mal Flausen im Kopf und waren mal mehr, mal weniger zuverlässig. Im Zentrum steht auch heute noch die Interaktion Lehrer–Schüler.

Rehm: Ja, die Kinder sind Kinder geblieben, und das ist der Grund, warum wir Lehrer sind. Aber vom Technischen und Administrativen her hat sich fast alles verändert. Heute muss praktisch alles schriftlich belegt werden.

Langjährigen Lehrern wird ja gern nachgesagt, sie seien besserwisserisch.

Lutz: Egal, welchen Fachbereich man unterrichtet, man eignet sich relativ schnell ein grosses Fachwissen an. Das kann das Gegenüber schon verunsichern.

Rehm: Ich habe immer gesagt, wenn mich privat jemand trifft und sagt, «gell, du bist Lehrer», dann ist es Zeit zum Wechseln.

Wer so lange unterrichtet, könnte sicherlich ein Buch schreiben. Welches Erlebnis dürfte keinesfalls fehlen?

Lutz: Schwierige Frage. Mir fällt nichts Weltbewegendes ein. Es waren ganz viele kleine Highlights. Dazu gehören auch die vielen Schülersprüche, die ich in einem Heft gesammelt habe.

Rehm: All die Ausreden der Schüler, warum sie zu spät kamen oder die Aufgaben nicht erledigen konnten, brachten mich immer wieder zum Schmunzeln. Einer hat einmal behauptet, sein Velo habe im Schnee durchgedreht. Highlights waren auch die Lager.

Und trotzdem gibt es Gemeinden, die die Lager abschaffen.

Rehm: Aber es gibt auch das Gegenteil. In Goldach etwa wurden sie wieder eingeführt. Heutzutage sind Lager noch viel wichtiger als früher, da viele Kinder Einzelkinder sind. Zudem gehen Kinder sehr gerne ins Lager.

Lutz: Lager sind fundamental. Aber sie werden immer anstrengender für die Lehrer.

Noten geben gehört zum Lehrerberuf. Welche Note geben Sie dem heutigen Schulsystem?

Lutz: 5+. Das Problem ist, kein System kann allen Schülern gerecht werden. Überall gibt es Vor- und Nachteile. Aber ein System macht die Qualität einer Schule nicht aus, sondern die Personen, die dort arbeiten.

Rehm: Grundsätzlich finde ich unser Schulsystem gut. Einen Teil der Bürokratie könnte man weglassen. Eine Weile herrschte eine gewisse Reformitis. Da ist man zum Glück wieder zur Ruhe gekommen, das ist besser so.

Am Stammtisch wird gerne über «die heutige Jugend» geredet. Wie ist denn die Jugend heute?

Lutz: Anständig, fleissig und zuverlässig. Leider redet man immer nur von den wenigen Prozent, die sich daneben benehmen.

Rehm: Die Jugendlichen tschutten heute noch gleich gern wie früher. Auch wenn sie häufiger vor dem Compi sitzen.

Welche Probleme beschäftigen die Jugendlichen heute?

Lutz: Alle Chats im Smartphone, immer auf dem Laufenden sein müssen. Ich bin aufgewachsen mit drei Fernsehsendern, schwarz-weiss, das Programm hat erst abends angefangen. Heute sind es 300 Sender rund um die Uhr. Da muss man ja gestresst sein und kann gar nicht mehr den Überblick haben über alles.

Und welche Wünsche haben die Jugendlichen?

Rehm: An erster Stelle steht leider das Konsumieren. Dann folgen Familie, ein Job, reich werden. Die gleichen Antworten wie vor 30 Jahren.

Lutz: Unsere ganze Gesellschaft ist aufs Konsumieren ausgerichtet. Aber die Gesellschaft können wir nicht ändern.

Tschösä Lutz war 38 Jahre lang Seklehrer mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung am OZ Grünau. Zusätzlich war der heute 64-Jährige unter anderm Delegierter des kantonalen Lehrerverbands und nahm als Lehrervertreter an zahlreichen Schulratssitzungen teil. Der Witten­bacher ist verheiratet und Vater zweier erwachsener Kinder. Seine Pension startet Lutz mit Vollgas: Vom 25. Juli bis Anfang September fährt er mit seiner Harley rund 8000 Kilometer von Wittenbach nach Schweden, Norwegen, Finnland und wieder zurück. Danach will er sich einem weiteren Hobby, der Geschichte, widmen. (cor)

Ursprünglich ausgebildet als Seklehrer, arbeitete Hansruedi Rehm 31 Jahre als Reallehrer mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung am Oberstufenzentrum Grünau. Zudem war er unter anderem Mitglied der Schulleitung, Stundenplaner und Informatik­verantwortlicher. Der 61-jährige Goldacher ist ledig, und seine Leidenschaft gilt dem Reisen und Golfspielen. Bevor er an die Grünau kam, hat er jeweils ein halbes Jahr gearbeitet und ist ein halbes Jahr gereist. Jetzt, nach seiner frühzeitigen Pensionierung, will er den Winter jeweils von November bis März in Asien verbringen –beim Golfen. (cor)