WITTENBACH: Ein Tag nach dem anderen

Gabrielle Haselbach-Groux hat diese Woche ihren 100. Geburtstag gefeiert. Für die vife Seniorin kein Grund zur Eitelkeit. Im Gegenteil.

Noemi Heule
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Blumensträusse zeugen vom 100. Geburtstag von Gabrielle Haselbach-Groux. (Bild: Benjamin Manser)

Blumensträusse zeugen vom 100. Geburtstag von Gabrielle Haselbach-Groux. (Bild: Benjamin Manser)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Jeden Morgen liest Gabrielle Haselbach-Groux die Zeitung, seit über 60 Jahren dasselbe Ritual. Eine Brille braucht sie dazu auch an ihrem 100. Geburtstag nicht. Am 6. Februar 1917 erblickte sie das Licht der Welt – einen Tag nach Zsa Zsa Gabor und knapp vier Monate vor John F. Kennedy.

Gabrielle Haselbach ist eine elegante Dame, ihr eingefallener Körper steckt in einem hellgrauen Kleid, ihr rechtes Handgelenk ziert ein goldenes Armband, weisses Haar rahmt das gefurchte Gesicht. Dass sie jemals ihren 100. Geburtstag feiert, hätte die Seniorin nie gedacht. «Noch an meinem 99. Geburtstag nicht», sagt sie – und ergänzt: «Jetzt geht’s wieder von vorn los» und ein Lächeln zerknittert ihre Wangen. Grosse Pläne hat sie nicht – dafür nimmt sie sich nicht wichtig genug. «Ich nehme jeden Tag, wie er kommt», sagt sie pragmatisch.

Seit 60 Jahren in Wittenbach daheim

Auch ihre Lebensgeschichte hält sie kurz und knapp. «Alles ging so wahnsinnig schnell vorbei», sagt die 100-Jährige, die im Otmar-Quartier aufwuchs. Sie sei «eine richtige Stadtsanktgallerin». Nur für kurze Zeit verliess sie die nähere Umgebung, als sie während des Zweiten Weltkrieges mit ihrer jungen Familie in einem Häuschen in Sevelen lebte. Bald kehrte sie zurück, zuerst nach Lömmenschwil, dann nach Wittenbach. Ihr Mann, ein Zimmermann und Bauunternehmer, baute das Einfamilienhaus im Kronbühl vor über 60?Jahren eigenhändig auf; sie hat sich auch nach seinem Tod nicht davon getrennt.

«Ich hatte viel Glück im Leben», fasst sie das vergangene Jahrhundert zusammen. Auch gesundheitlich sei sie «sehr zufrieden». Einige Knochenbrüche machten ihr in den letzten Jahren zu schaffen, die Folgen von Stürzen. Diese seien aber jeweils schnell verheilt. Dennoch muss sie, die als Kind «voller Leben steckte», dieses nun etwas ruhiger angehen. «Bis vor kurzem stieg ich einfach spontan in den Zug, wenn die Sonne schien, und fuhr los – irgendwohin», sagt sie. Diese Unternehmungslust muss sie nun zügeln, zu wackelig steht sie auf den Beinen. Zurzeit wohnen Sohn und Schwiegertochter vorübergehend im Elternhaus in Wittenbach, um auf sie achtzu­geben. «Sie lassen mich nicht aus den Augen», sagt die Jubilarin.

Mutter, Grossmutter, Ururgrossmutter

Auch wenn Gabrielle Haselbach mit 100?Jahren die meisten Gleichaltrigen überlebte, kennt sie keine Einsamkeit. Nachbarn und Familie seien immer da. Letztere ist gross: Zwei Söhne und zwei Töchter, elf Grosskinder, 13 Urgrosskinder und ein Ururgrossenkel zählen zu ihren Nachkommen. Viele von ihnen kamen zum Geburtstag vorbei. Glückwunschkarten und Blumensträusse auf Kommode und Couchtisch zeugen von vielen Gratulanten.

«Sie ist eine unglaublich ­aufgeweckte, pragmatische Frau», sagt Tochter Margrit Heinimann. Krankheiten oder körperlichen Gebrechen trete sie mit Optimismus entgegen; klagend dagegen erwische man sie nie. Zu AABB22viel Lob für Mutter Gabrielle Haselbach: «Da wächst mir noch ein Heiligenschein», sagt sie und offenbart eine weitere Eigenschaft: Bescheidenheit. Sie nimmt sich und ihr Leben nicht so ernst. Das hat sie auch künftig nicht vor. Sie wolle auch die Zukunft so nehmen, wie sie komme, sagt sie. Ein Tag nach dem anderen. Ihr Zeitungsabonnement allerdings hat sie nur noch um ein halbes Jahr verlängert. «Man weiss ja nie.»