Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

WITTENBACH: Ein Quartier an der Grenze

Die Grenze zwischen St. Gallen und Wittenbach verläuft quer durch Bruggwald. Das stiftet nicht nur heute Verwirrung. Politisch, schulisch und in der Kirche.
Noemi Heule
Nur eine Strassenbreite entfernt, trennt die Bewohner der Bruggwaldstrasse die Grenze zwischen Wittenbach und St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Nur eine Strassenbreite entfernt, trennt die Bewohner der Bruggwaldstrasse die Grenze zwischen Wittenbach und St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Sie blicken nach St. Gallen und werden von Wittenbach zur Kasse gebeten. Auf ihrer Post steht eine St. Galler Postleitzahl, auf dem Papier aber sind sie Wittenbacher. Die Bewohner des Quartiers Bruggwald, ennet der Grenze zu St. Gallen, fühlen sich mit der Stadt verbunden, wo sie vorzugsweise die Schule besuchen. Eine Sonderbewilligung ermöglichte es ihnen bis anhin, darüber selber zu entscheiden. Das Wittenbacher Schulparlament droht diesen Sonderstatus am Montag aufzuheben (Ausgabe vom 4. November). Dagegen gehen die ­Bewohner mit einer Petition vor (Ausgabe vom 16. November). Das Problem aber liegt tiefer. Und geht weit zurück.

«Die Grenzziehung ist sinnlos», sagt Jens Wiesenhütter, Sprecher der IG Bruggwald. Die Gemeindegrenze stiftet denn auch immer wieder Verwirrung. Eine Grenze, die, so scheint es, mitten durch das Quartier gezogen wurde, teilweise folgt sie exakt dem Strassenverlauf. Der ­Anwohner auf der einen Seite lebt auf Wittenbacher Boden, der Nachbar gegenüber sitzt auf Stadtgebiet. Die Grenze wurde aber nicht mit dem Lineal durchs Wohngebiet gezogen. Vielmehr ist das Quartier nach und nach entlang der Grenze gewachsen, die in ihrem Ursprung auf die ­Geburtsstunde des Kantons im Jahr 1803 zurückgeht.

Während Steinach und Sitter das Gemeindegebiet Wittenbach gegen Osten und Westen klar abgrenzen, war die Grenze in bewaldetem Gebiet Richtung Stadt stets unübersichtlich. Noch im 19. Jahrhundert marschierten deshalb Vertreter der Politischen Gemeinde alljährlich die Grenze ab, um ihr Gebiet zu markieren. Letzte kleinere Änderungen der Grenze zu St. Gallen wurden schliesslich im Jahr 1918 vorgenommen, als die Gemeinden Straubenzell und Tablat im Süden von Wittenbach mit St. Gallen verschmolzen.

Wittenbach lag nun erstmals vor den Toren der Stadt. Und das, obwohl die Wittenbacher eigentlich gerne selbst zu «Gross-St. Gallen» gehört hätten. Im Juni 1914 wurde eine Angliederung an die Stadt im Gemeinderat diskutiert und als die «vorteilhafteste und rationellste Lösung» angepriesen. Nicht zuletzt, weil ein Zipfel Kronbühls längs der Bruggwaldstrasse ohnehin bis nach Heiligkreuz hinein rage, wie die damalige Sitzung in der Lokal­geschichte Wittenbachs zitiert wird. Das Vorhaben scheiterte allerdings am grossen Nachbarn; die Stadt machte finanzielle Bedenken geltend, während Straubenzell und Tablat befürchteten, dass ein weiterer Mitstreiter die Vereinigung verzögere.

Unnachgiebig zeigte sich ­wenig später auch die Gemeinde Wittenbach. 1919 wollte sich das Blindenheim an der Bruggwaldstrasse von der Gemeinde lösen und suchte den Anschluss an St. Gallen. Der Wittenbacher ­Gemeinderat jedoch lehnte ab.

Zwischen Tisch und Schulbänken

Während die politische Grenze weit zurück reicht, wurde jene der Schulgemeinde erst nach der Jahrtausendwende gezogen. 2002 entschied das Erziehungsdepartement, dass die Grenzen der Schulgemeinde mit jenen der Politischen Gemeinde übereinstimmen müssen. Zuvor hatte Bruggwald der Schulgemeinde Tablat angehört. Dennoch besuchen die Bruggwalder Kinder weiterhin St. Galler Schulen. Möglich macht dies ein Vertrag, der 2007 zwischen den beiden Gemeinden geschlossen wurde. Er räumt den Kindern aus Bruggwald ein Wahlrecht ein. Während der Vertrag für die Primarschule weiterhin gelten soll, steht er für die Oberstufe auf der Kippe.

Zwei Kirchen für ein Quartier

Nicht mit den politischen Grenzen überein stimmen dagegen nach wie vor jene der Kirchgemeinde, zumindest nicht jene der Reformierten. Die Evangelische Kirchgemeinde Tablat vereint das Quartier Heiligkreuz und Wittenbach. Beide gehören jedoch verschiedenen Kirchkreisen an. Auch dort ist Verwirrung ­programmiert: Die Angehörigen einer kürzlich verstorbenen Bruggwalderin etwa wurden zum Gedenken gleich zweimal zum Ewigkeitsgottesdienst geladen. Einmal in die Kirche Vogelherd in Wittenbach und einmal in die Kirche Heiligkreuz. Nur Tag und Uhrzeit waren bei beiden Ein­ladungen identisch. Die Verstorbene war im Blindenheim Obvita daheim, jener Institution an der Bruggwaldstrasse, welche die Gemeinde Wittenbach 1919 nicht an St. Gallen abtreten wollte.

Die doppelte Einladung sei ein Versehen, sagt Diakon Ueli Bächtold. Die Grenzziehung mitten durch das Quartier mache den Verantwortlichen allerdings die Arbeit nicht einfach. Zumal auch viele Bruggwalder aus Wittenbach den Gottesdienst im Heiligkreuz besuchen. Im Gegensatz zu den Schulkindern brauchen sie dafür nämlich keine Sonderbewilligung.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.