WITTENBACH: Der Schule fehlt Zeit für die Musse

Das Schulhaus Dorf ohne René Chopard, das können sich viele Wittenbacher nicht vorstellen. Auch er selber noch nicht richtig. Darum hat er den ersten Schultag nach den Ferien bereits verplant.

Corinne Allenspach
Drucken
Teilen
René Chopard, umgeben von Lehrerkolleginnen, Müttern und Schülern, wird an seinem letzten Schultag reich beschenkt. (Bild: Benjamin Manser)

René Chopard, umgeben von Lehrerkolleginnen, Müttern und Schülern, wird an seinem letzten Schultag reich beschenkt. (Bild: Benjamin Manser)

Corinne Allenspach

corinne.allenspach@tagblatt.ch

Er ist keiner, der gerne im Mittelpunkt steht. In den vergangenen Tagen liess es sich aber nicht umgehen. Denn wenn ein Lehrer 43 Jahre im gleichen Schulzimmer unterrichtet hat, entlässt man ihn nicht einfach sang- und klanglos in die Pension. Und schon gar nicht jemanden wie René Chopard, der auch nach so vielen Jahren als Mittelstufenlehrer und Praktikumsleiter kein bisschen schulmüde ist.

Wittenbach hat ihm 1974 nicht nur seine Lebensstelle gebracht, sondern auch die Liebe seines Lebens. So heiratete er die junge Lehrerin Fräulein Nigg und hat mit seiner Monika, die wie er bis heute unterrichtet, drei Kinder grossgezogen. Wenn der 64-Jährige jetzt, nachdem sein Schulzimmer geräumt und zwei Dutzend 60-Liter-Säcke voller Schulzeug entsorgt sind, entspannt im Café sitzt und über sein Berufsleben erzählt, wird rasch klar: Er ist ein Mann mit vielen Leidenschaften. Nebst Familie und Unterrichten stehen Musik, Filmen, Golf spielen, Bahnromantik und Literatur ganz vorne auf der Liste. Bei ihm auf dem Nachttisch müsse immer ein Buch liegen, verrät er. «Damit ich vor dem Schlafen in eine andere Welt eintauchen kann.»

Am Klassentreff wollten die Schüler mit ihm singen

Die reale Welt, die hat sich stark verändert seit seinem Stellenantritt. Erinnert er sich noch an seinen ersten Schultag als Lehrer? «Ja natürlich», kommt es postwendend und der Wittenbacher strahlt. Es habe «pöpperlet» in ihm drin, schliesslich sei er nur gerade acht Jahre älter gewesen als seine 6.-Klässler. Im Semi hat er den Tipp erhalten, am ersten Tag eine Schriftprobe zu machen mit den Schülern, zudem etwas mit Mathematik und ein Gedicht einzuüben. «Ich wählte ein Frühlingsgedicht von Goethe», weiss Chopard noch genau. Es sei ein toller Tag geworden. «Die Schüler waren so erwartungsvoll.» Und sie himmelten ihn, den Junglehrer direkt aus dem Semi, an.

21 000 Franken hat Chopard zu Beginn verdient – pro Jahr, inklusive Ortszulage. Der Lohn ist aber nicht das Einzige, was seit 1974 gestiegen ist. Auch die Erwartungshaltung der Eltern, die Spontaneität der Schüler und das Tempo allgemein. Neuem gegenüber war Chopard immer offen. Er war ein Pionier im Erstellen von Lernwerkstätten, hat bis zuletzt neue Lernformen ausprobiert und über 120 Weiterbildungen besucht, wie Schulratspräsidentin Ruth Keller zu seinem Abschied vorrechnete. Aber auch wenn er Neues mitgemacht hat, ist er der Meinung: Weniger wäre oft mehr. «Heute wird den Schülern zu viel aufgehalst. Die Schwächeren kommen gar nicht mehr mit.» Was er früher geschätzt hat: Die ruhigen, teils fast meditativen Schönschreibstunden. Heute sei vieles hektisch und oberflächlich. «Man hat keine Zeit mehr für die Musse.»

Immer Zeit hatte er hingegen für die Musik. Er war Gründungsmitglied der Gentlemen Six, spielt Klavier und Keyboard, schrieb selber Lieder, begleitete Gesamtschulanlässe, Krippenspiele und Musicals, auch von anderen Lehrern, und sang leidenschaftlich gern mit seinen Schülern. Wie sehr sie das geprägt hat, stellte er am dritten Klassentreff seiner ersten Klasse fest. Seine 6.-Klässler, die heute selber Mitte 50 sind, wünschten sich eine Schulstunde wie anno dazumal. «Wichtig war ihnen, dass wir unbedingt miteinander singen», freut sich Chopard, der mit ihnen flugs ein Quodlibet eingeübt hat.

Sicher, in all seinen Berufsjahren habe er nebst vielen Hochs auch Tiefs erlebt. «Aber das blende ich aus. Ich behalte nur die guten Sachen in Erinnerung.» Dazu gehören auch die letzten zwei Lager, die er – gemeindeübergreifend – zusammen mit seiner Tochter organisierte, die Lehrerin in Andwil war.

Humor macht vieles einfacher

Korrekt, streng, konsequent, das war Chopards Maxime beim Unterrichten. Wie sein eigener Mittelstufenlehrer, der ihm ein Vorbild war. «Er hat in mir den Wunsch geweckt, Lehrer zu werden.» Wichtig war dem Wittenbacher auch der Humor. Er habe die Leute schon immer gern zum Lachen gebracht. «Daheim hören sie meine Sprüche allerdings nicht mehr gern», sagt er und grinst. Humor war ihm auch im Schulzimmer wichtig, wo es «nicht nur stur und leistungsorientiert» zu- und hergehen sollte. Chopard ist überzeugt, dass dadurch manch ein Kind gern zu ihm kam, das sonst eigentlich nicht gern in die Schule ging.

Der Humor hat ihm auch bei seiner Krankheit geholfen. Im Herbst 2016 wurde er notfallmässig ins Spital eingeliefert. Verdacht auf Blasensteine, später fanden die Ärzte einen Tumor. Dieser ist inzwischen entfernt, Chopard konnte aber seit den Frühlingsferien nur noch 40 Prozent unterrichten. Im Nachhinein sei das gut gewesen. «Eigentlich ist es schön, sich langsam auf die Pension vorzubereiten statt von 100 auf 0 runterzufahren.» Bereits vorbereitet ist auch der 14. August. Am ersten Schultag nach den Ferien will Chopard auswärts sein. Er macht mit Tochter Nicole und Enkel Emilio einen Ausflug. «Es kann ja nicht sein, dass die Schule wieder los geht und ich nichts zu tun habe.»