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WITTENBACH: Der friedfertige Störefried

Seine Gegner sehen in ihm einen Aufwiegler, er selbst bezeichnet sich als friedliebend. Michel Klein fordert die Gemeinde mit eigensinnigen Ideen heraus. Und eckt an.
Noemi Heule
Im Garten von Michel Klein folgen Pflanzen, Hühner und Kaninchen ihren eigenen Regeln. (Bild: Urs Bucher)

Im Garten von Michel Klein folgen Pflanzen, Hühner und Kaninchen ihren eigenen Regeln. (Bild: Urs Bucher)

Es gackern die Hühner, hoppeln die Hasen und wuchern die Pflanzen im Garten von Michel Klein. Nein, picobello ist die kleine Grünfläche nicht, picobello entspricht ihm nicht. Kreuz und quer spriesst das Gewächs, jedes dort, wo es ihm beliebt. Die Brennnessel genauso wie die ­Tomatenstaude. Der Garten ist Ausdruck von Michel Kleins Philosophie: «Es ist alles eine Frage der Einstellung», sagt der 54-Jährige und sein Accent offenbart die französische Muttersprache. Für andere seien Brennnesseln Unkraut, für ihn die Lebensgrundlage für Schmetterlinge. Der Garten ist ein stiller Protest gegen starre Regeln, denen er so gar nichts abgewinnen kann.

«Inneres Feuer» versus «Fanatismus»

Wenn Klein in seiner grünen Oase sitzt, das Gesicht umspielt von langem Haar, und über den Kreislauf des Lebens philosophiert, ist es kaum vorstellbar, dass er sich in Wittenbach als ­Unruhestifter einen Namen gemacht hat. Als Kopf der IG Denk Mal kämpft er für den Erhalt der Dorfwiese und der beiden historischen Schulhäuser. Und eckt damit immer wieder an. Er sammelt Unterschriften, wälzt sta­pelweise Unterlagen, stellt sich gegen den Gemeindepräsidenten, reicht Beschwerde ein. Sobald er von Umweltpolitik spricht, werden seine Sätze länger, sein Ton bestimmter, und er kann sich in Rage reden. Von einem «inneren Feuer» spricht er selber, von «Fanatismus, ja Spinnerei» die Gegner.

Anecken, das tut Michel Klein seit seiner Kindheit in der Hauptstadt Belgiens. Damals, als er sich in jungen Jahren einen Ohrring stechen liess , ein Skandal für damalige Verhältnisse. Als er sich an der Universität weigerte, für Prüfungen Krawatte und Jacket anziehen, oder als er den Militärdienst verweigerte, um sich nicht fremden Befehlen zu unterwerfen. Der Bauingenieur zog stattdessen als Entwicklungshelfer nach Afrika. Bereits zuvor hatte er an einer Verlobungsfeier seine heutige Frau, eine Wittenbacherin, kennengelernt. Gemeinsam zogen sie erst nach Algerien, an den Rand der Wüste, dann in den Dschungel von Burkina Faso, zum Schluss in die Hauptstadt Ouagadougou.

Als das Paar nach Wittenbach umsiedelte, wandte Klein sich vom Beruf des Bauingenieurs ab. «Meine Materialien sind Holz und Lehm, hier aber wird mit Beton, Glas und Stahl gebaut.» Nach der Geburt seines Sohnes war er Hausmann, nahm später Jobs als Lagerist, Übersetzer oder als Assistent an der Universität an. Daneben gründete er den Waldkindergarten mit oder engagierte sich für den K-Treff in Wittenbach, wo Sozialhilfebezüger Lebensmittel beziehen können. «Arbeiten, die mich begeistern, sind leider nicht gut entlöhnt.»

«Weil es mir im Herzen weh tut»

Heute betreibt er, angrenzend an seinen Garten, eine Praxis für Neurolinguistische Programmierung, wo er Veränderungen begleitet. Seine Klienten– oder Gäste, wie er sie nennt – sind Leute mit Burn-out oder Depressionen. Er selbst habe immer Glück gehabt im Leben, sagt er. Auch weil er stets auf sein Herz gehört habe und nicht auf seinen Kopf, der nach Karriere trachtete.

Eigentlich, sagt Michel Klein, wolle er in Frieden leben. Warum er immer wieder aneckt, das versteht er nicht. Klein zeigt auf seinen Mikrokosmos, auf summende Bienen und gackernde Hühner. «Das ist nicht der Garten eines Aufwieglers», sagt er. Erst die geplante Überbauung auf der Dorfwiese schürte sein politisches Feuer, «weil es mir im Herzen weh tut». Er wünscht sich ein Wittenbach, in dem sich nicht jeder nur um sein Gärtchen kümmert, sondern die Bürger mitbestimmen können. Dafür müsse er sich entscheiden, ob er den Weg der Harmonie oder jenen der Eskalation wählt. Er ist hin und her gerissen.

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