Wirtschaft versus Politik?

Hans Peter Fagagnini kennt das Beziehungsfeld von Wirtschaft und Politik aus langer Erfahrung. Bei der Abschiedsvorlesung an der HSG zeigte er am Dienstagabend, wie viele Faktoren dabei zusammenspielen.

Josef Osterwalder
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Hans Peter Fagagnini bei seiner Abschiedsvorlesung an der HSG. (Bild: Reto Martin)

Hans Peter Fagagnini bei seiner Abschiedsvorlesung an der HSG. (Bild: Reto Martin)

ST. GALLEN. Wirtschaft und Politik, man könnte es eine «Beziehungskiste» nennen. Und die Versuche der Politik, die Wirtschaft zu steuern? Man verglich sie schon «mit dem Tanz der Hopi-Indianer in der Trockenzeit». Es sind starke Bilder, die Hans Peter Fagagnini an den Anfang seiner Abschiedsvorlesung stellt. Nicht von ungefähr. Denn zurzeit sind zwei ganz unterschiedliche Trends zu beobachten. Wirtschaftlich ist die Schweiz mit dem Ausland so eng verflochten wie nie zuvor.

«Gemessen an der Beschäftigung fand die schweizerische Wirtschaft stärker im Ausland als zu Hause statt», sagt Fagagnini. Nach neusten Zahlen beschäftigen Schweizer Firmen im In- und Ausland eine Belegschaft von sieben Millionen – eine Zahl, die ohne die 3,6 Millionen Ausländerinnen und Ausländer gar nicht erreicht werden könnte.

Dynamik und Defensive

Dem wirtschaftlichen Weltbezug steht in der Politik aber ein gegenläufiger Trend gegenüber. Dieser vollzieht sich nicht im Gleichschritt mit der wirtschaftlichen Öffnung, sondern marschiert in die entgegengesetzte Richtung. Fagagnini zeigt es in Zahlen: Die Parteien einer politischen Öffnung (FDP, CVP, SPS) sind in den letzten zwanzig Jahren auf einen Wähleranteil von 49,8 Prozent (minus 25 Prozent) zurückgefallen.

Die SVP als Partei der innenpolitischen Gegenwehr ist in der gleichen Zeit auf 28,9 Prozent angewachsen (plus 163 Prozent). Fagagnini folgert: Auf der einen Seite also globale Dynamik, auf der andern reaktionäre Defensivhaltung. Noch ist nicht auszumachen, wie das ausgehen wird. Einen Schluss zieht Fagagnini auf jeden Fall: «An der EU-Frage kommt niemand vorbei.»

Brückenbauer gesucht

Die Abschiedsvorlesung ist primär eine Analyse, kein Rezept. Einzelne Handlungsanweisungen aber gibt der scheidende Professor doch. Zum Beispiel, dass es in der Wirtschaft und Politik, hüben wie drüben, Leute braucht, die zum Brückenschlag fähig sind und diesen auch aktiv betreiben.

Zu spüren ist auch Fagagninis Wunsch, die Politik wäre in den letzten Jahrzehnten etwas hellhöriger gewesen für das, was sich in der Grosswetterlage ankündigt.

Dann hätte man mit Fragen wie Nummernkonti, Depots fremder Potentaten, Geldwäscherei, Steuerhinterziehung anders umgehen können. Jetzt aber laufe jedesmal das gleiche Muster ab: «Entrüstung und Aufbäumen in der Anfangsphase, rasches Nachgeben bei äusserem Druck (insbesondere bei amerikanischem), nach einigen Anpassungen jedoch alsbald zurück zum Courant normal.» Auch diesen Diskurs beendet Fagagnini mit einer Handlungsanweisung: Es geht um die Wiedergewinnung von Vertrauen.

Vorteil Wirtschaft

Und die Zukunft? Fagagnini meint, dass Krisen zuweilen dazu führen, die gegenseitige Verständigung zu suchen. Als Beispiel nennt er den Umweltschutz. Im Augenblick sieht er aber, dass in der Beziehung von Wirtschaft und Politik noch immer ein asymmetrisches Verhältnis herrscht, Vorteil Wirtschaft. Doch dies gilt nur für den Augenblick: «Wer sagt, dass die Umstände Asymmetrien nicht in ihr Gegenteil drehen können?»

Am Puls der Schweiz

Die Abschiedsvorlesung zeigt, warum Hans Peter Fagagnini als «Politikwissenschafter mit Praxisbezug» bezeichnet wird. Er hat sich sein ganzes Berufsleben lang im Spannungsfeld von Wirtschaft und Politik bewegt. Als Student an der HSG, einer Hochschule mit Schwerpunkt Wirtschaft, interessierte er sich für den politikwissenschaftlichen Lehrgang, und auch später, als Generalsekretär der CVP, als Generaldirektor der SBB und als CEO eines internationalen Transportunternehmens, blieb er der Politikwissenschaft verbunden, diesmal als Dozent.

Von der Theorie zur Praxis und wieder zurück zur Theorie. Bei der Abschiedsvorlesung scheint es, als ob Fagagnini der Schweiz den Puls und das Fieber messen würde. Und was würde er ihr verschreiben? Etwas mehr Gelassenheit. Nicht jedes Problem ist eine Systemkrise. Probleme sind da, um gelöst zu werden.