Wird Notenlesen obligatorisch?

Das Schweizer Stimmvolk hat mit grosser Mehrheit einen Artikel zur Jugendmusikförderung in der Bundesverfassung verankert. St. Galler Musikpädagogen hoffen nun, dass Notenlesen irgendwann so selbstverständlich wird wie das ABC.

Odilia Hiller
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Musikalische Bildung sollte keine Glückssache sein, finden Musikpädagogen. (Bild: Urs Jaudas)

Musikalische Bildung sollte keine Glückssache sein, finden Musikpädagogen. (Bild: Urs Jaudas)

«Im Namen Gottes des Allmächtigen!» Unter dieser anspruchsvollen Präambel steht in der Bundesverfassung neu geschrieben, dass der Schweizerischen Eidgenossenschaft die musikalische Bildung ihrer Kinder ein Anliegen ist. Obschon noch lange nicht klar ist, wie und wann sich der eher allgemein gehaltene Passus auswirken wird, sehen St. Galler Musikpädagogen darin einen wertvollen Schritt in Richtung einer selbstverständlicheren und breiteren Integration des Musikunterrichts in die Schulbildung.

«St. Gallen ist schon sehr weit»

«In der Stadt St. Gallen sind wir in dieser Hinsicht schon sehr weit», sagt Helmut Hefti, Leiter der Musikschule St. Gallen. Insofern liesse sich von einer willkommenen «nachträglichen» Legitimierung dieser Anstrengungen sprechen. Die Stadt nehme sowohl in Sachen musikalische Grundausbildung als auch in der Begabtenförderung eine Vorreiterrolle ein. Die musikalische Grundschule ist in der ersten und zweiten Primarklasse fester Bestandteil des Lehrplans. Die Talentschule kümmert sich um musikalisch herausragende Schülerinnen und Schüler. Zurzeit werden dort elf Jugendliche speziell gefördert.

Bereits heute ist die Musikschule integraler Bestandteil der städtischen Volksschule (siehe Kasten). Ihre rund 95 Lehrpersonen sind – auch in Sachen Lohn – dem restlichen Lehrpersonal gleichgestellt, was in den meisten ausserstädtischen Gemeinden noch nicht die Regel ist. Die Verankerung der musikalischen Jugendförderung in der Verfassung sieht der Musikschulleiter vor allem als «fruchtbares Feld, das noch bestellt werden muss». Natürlich heisse das nicht, dass Musik auf einen Schlag zum Hauptfach werde. Doch der Verfassungsartikel sei eine gute Grundlage. Ganz allgemein gelte es, das aktive Musizieren in einer Gesellschaft zu erhalten, wo Musik immer mehr zu einem reinen Konsumgut werde. Zurzeit unterrichtet die Musikschule rund 3000 Schüler. Bei den Instrumenten gehören gemäss Musikschulleiter momentan Gitarre, Klavier, aber auch die Streichinstrumente zu den gefragtesten.

Als langjähriger Musik- und Gesangspädagoge, Leiter des Sinfonieorchesters der Kantonsschule am Burggraben sowie der St. Galler Singschule trifft Bernhard Bichler im Schulunterricht immer wieder auf Jugendliche, die keine Noten lesen können. «Verbindliche Standards in den kantonalen Lehrplänen würden helfen, die Bandbreite in dieser Hinsicht zu verringern», sagt Bichler. Es sei heute noch viel zu sehr Glückssache, was ein Kind in der Schule musikalisch mit auf den Weg bekomme. Insofern hoffe er sehr, dass es nicht bei diesem «schönen» Verfassungsartikel bleibe, sondern dass er möglichst bald mit Inhalt und Bedeutung gefüllt werde. «Man muss ihn zücken und damit auch etwas auslösen können, sollte jemand vergessen, wie wichtig musikalische Bildung für die Kinder und die Gesellschaft ist.»

Auch den aktuellen Trend, die Beiträge der Eltern an den sowieso schon eher kostspieligen Instrumentalunterricht in Sparzeiten zu erhöhen, gelte es aufzuhalten und wieder umzudrehen. Eine Erhöhung gab es an den Kantonsschulen erst kürzlich aufgrund des Sparpakets. «Musikmachen muss Menschen jeglicher sozialer Herkunft offenstehen», sagt Bichler.

Der Lehrerbildung Sorge tragen

Und nicht zuletzt gelte es, der musikalischen Bildung der Lehrkräfte Sorge zu tragen, die in den vergangenen Jahren an den pädagogischen Hochschulen immer mehr gekürzt wurde. Auch Wilfrid Schmid, Dozent im Studienbereich Musik der PHSG in Rorschach, bedauert, dass der freiwillige Instrumentalunterricht in der Lehrerbildung im Rahmen der Sparmassnahmen gekürzt wurde. «So können Studierende ihre musikalischen Defizite nur schwer abbauen», sagt Schmid. Immerhin sei die Musikausbildung an der PHSG für die Studierenden der Kindergarten- und Primarstufe noch immer obligatorisch – im Gegensatz zu anderen Hochschulen der Deutschschweiz.