«Wir wollen voranschreiten»

Morgen Sonntag wird in der Tonhalle Blasmusik gespielt. Die St. Galler Dirigenten Francisco Obieta und Ivo Mühleis über das Vorurteil der «Bier- und Wurst-Orchester», Nachwuchsprobleme und die soziale Bedeutung von Musikvereinen.

Sarah Schmalz
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Ivo Mühleis (links) und Francisco Obieta in den Stuhlreihen der Tonhalle, wo sich morgen ihre Blasmusiken behaupten müssen. (Bild: Urs Jaudas)

Ivo Mühleis (links) und Francisco Obieta in den Stuhlreihen der Tonhalle, wo sich morgen ihre Blasmusiken behaupten müssen. (Bild: Urs Jaudas)

Francisco Obieta hat das leicht zerzauste Aussehen eines Musikvirtuosen. Und er spricht auch wie einer: ausladend und mit rollendem «rrrrr». Man kann sich den in Argentinien aufgewachsenen Sohn einer italienischen Mutter und eines baskischen Vaters besser auf der Orchesterbühne als vor einer Dorfmusik vorstellen. Doch sein Engagement als Solokontrabassist im St. Galler Sinfonieorchester hat er vor einigen Jahren aufgegeben. Die Musikgesellschaft St. Georgen und den Musikverein Heerbrugg führt er bald ans kantonale Blasmusikfest (Kasten).

«Blasmusik wird unterschätzt»

Zu seinen Träumen als junger Musikstudent hat dies nicht gezählt. Heute hält der Argentinier die Blasmusik wegen ihres militärischen und dörflichen Ursprungs für unterschätzt. Wie professionell die Ausbildungen, wie gut die Kompositionen und wie ehrgeizig viele Blasmusikdirigenten inzwischen seien: Das werde von der grossen Öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen.

«Bier , Wurst und Brot», ergänzt Ivo Mühleis, Dirigent der Polizeimusik St. Gallen und der Bürgermusik Mörschwil. Das sei bei vielen leider nach wie vor die Assoziation zur Blasmusik. Ihre Konzerte hingegen fänden nur bei einem kleinen Stammpublikum meist älterer Leute Beachtung. Das findet Mühleis bedauernswert: «Würden mehr Leute zuhören, änderte sich die Wahrnehmung vielleicht.»

Gas geben in der Krise

Und die Jungen? Auch wer Blasmusik spiele, höre in seiner Freizeit ganz anderes, sagt Mühleis. Der Nachwuchs hat bei beiden Dirigenten über Jahre abgenommen. Es existiere zwar ein Graben zwischen Stadt und Land, sind sich Mühleis und Obieta einig. St. Georgen könne mit seinem dörflichen Charakter aber Mörschwil gegenübergestellt werden.

Trotz dieser Entwicklung sind sich die Dirigenten auch einig darüber, dass es Grund zur Hoffnung gebe. «Ich bin und bleibe Optimist», sagt Obieta. Für die Blasmusik sei vielleicht sogar gerade jetzt der Zeitpunkt, Gas zu geben. Schweizweit sind in den vergangenen Jahren einige Bläserformationen verschwunden. Andere haben fusioniert. Wer weitermache, müsse seinen Platz in der vielfältig gewordenen Musikszene finden, sagt Mühleis. Ohne Aufbruch gebe es keine Zukunft.

Frischer Wind in den «Dörfern»

In St. Georgen und Mörschwil spüren die Blasmusikdirigenten diesen neuen Wind: Die Bemühungen um die musikalische Professionalität und die Nachwuchsarbeit haben zugenommen. Erst seit einigen Jahren beispielsweise veranstalten die Bläser gemeinsame Konzerte zur Vorbereitung für das kantonale Blasmusikfest.

Junge Musiker sollen frühzeitig mit der Blasmusik in Kontakt kommen: In Mörschwil etwa wird verstärkt mit der Musikschule und der regionalen Jugendmusik zusammengearbeitet. Nicht nur Mühleis spürt nach der langen Baisse wieder etwas Aufwind. Auch Obieta nimmt bei jungen Musikern wieder mehr Interesse an der Blasmusik wahr.

Vieles bleibt beim Alten

Alles umkrempeln aber wollen Mühleis und Obieta freilich nicht. Beiden sind die kürzlichen Auftritte ihrer Orchester an den jeweiligen Erstkommunionfeiern in frischer Erinnerung. Diese haben den Dirigenten einmal mehr gezeigt, wie wenig die Blasmusik aus dem Dorfleben wegzudenken ist. Im Gegensatz zu den individualisierten Städten erfüllten Vereine auf dem Land noch eine wichtige soziale Funktion, sagt Obieta. Viele seiner Bläser kennten sich seit der Schulzeit. «Man ist zusammen aufgewachsen und noch immer befreundet. Das ist doch etwas sehr Schönes.»

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