«Wir sind Juden, wie Christus»

Bischof Markus Büchel und Rabbiner Tovia Ben-Chorin haben am Montagabend zum Thema Toleranz diskutiert. Das Fazit des Austausches: Das Heilige Land bleibt ein Land der Hoffnung. Und Toleranz ist nicht gleich Gleichgültigkeit.

Margrith Widmer
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Rabbi Tovia Ben-Chorin und Bischof Markus Büchel im Gespräch. (Bild: Benjamin Manser)

Rabbi Tovia Ben-Chorin und Bischof Markus Büchel im Gespräch. (Bild: Benjamin Manser)

Ausgangspunkt der Debatte war der Film «Der jüdische Kardinal». Kardinal Jean-Marie Lustiger sei nicht doktrinär verbohrt, er sei ehrlich und offen gewesen und habe an der Spannung zum jüdischen Vater gelitten, sagte Bischof Markus.

Trauer um Verlust

Er kenne Lustigers Dilemma aus eigener Anschauung, so Rabbi Ben-Chorin. Juden argumentierten, man könne das Judentum nicht verlassen. Er sei als Rabbiner zu einer katholischen Taufe gegangen: «Sieben von neun Heiligen waren Juden», schmunzelte er. Ob Konvertit oder Atheist: Jüdische Familien trauerten um Verluste sieben Tage lang, wie um Tote. Bischof Markus verstand diese Trauer: «Meine Mutter hätte auch getrauert, wenn meine Schwester einen Evangelischen geheiratet hätte.» Es gehe darum, zu verstehen, «wie der andere denkt», so Rabbi Ben-Chorin.

Toleranz ist Akzeptanz

In jeder Religion gebe es einen prägenden Teil, der das Zentrale nicht betreffe, sagte Bischof Markus. Die katholische Kirche habe sich schwer getan, nicht allein selig machend zu sein, und so viel Unheil angerichtet. Der grosse Durchbruch sei vor 50 Jahren am Zweiten Vatikanischen Konzil gelungen. Toleranz sei nur möglich, wenn der eigene Standpunkt klar sei: «Toleranz ist nicht Gleichgültigkeit. Tolerant ist, wer akzeptiert, wenn jemand anders denkt. Es geht nicht um <richtig> oder <falsch>.»

Im Dialog müsse man sich so begegnen, dass der Austausch bereichere und befruchte. Katholiken und Juden hätten dieselben Wurzeln. «Wir sind alle Juden, wie Jesus Christus.» Toleranz bedeute nicht Verwischen, sondern Menschen, die an Gott glaubten, zu verstehen, so Bischof Markus. Oft gebe es zu wenig Austausch, um sich zu kennen und den anderen aus seiner Tradition heraus verstehen zu lernen.

Schwäche kann Stärke sein

Juden seien Minoritäten, so Rabbi Ben-Chorin. Am Ersten Zionistenkongress 1897 in Basel habe Theodor Herzl seine Idee vom jüdischen Staat «in fünf oder fünfzig Jahren» präsentiert. Es wurden 50 Jahre.

Schwäche, so der Rabbi, könne der Religion Stärke verleihen. «Es fällt leichter, loyal zu sein zu alten Formen. Im Judentum gibt es keine Hierarchien. Papst? Gott sei Dank, das haben wir nicht.» Die beste Form der Begegnung sei, die Texte zusammenzulegen. Er habe die Gnostiker gelesen. Man müsste sie wie ein Jude lesen: «Wer vertritt Gott auf Erden?» Religion habe teilweise auch ins Elend geführt, so Bischof Markus. Ohne versöhnliches Miteinander gebe es keinen Frieden. Der Islam sei eine Friedensreligion. Religion sei in diesen Konflikten ein Vorwand.

Gefahr der Ghettoisierung

Zur «Handschlag-Problematik» sagte Rabbi Ben-Chorin: Solche Gruppen neigten zu Ghettoisierung mit eigener Schule; oft hätten Einwanderer Angst vor Assimilation. Es bestehe die Gefahr zweier verschiedener Zivilisationen – nicht auf der gleichen Ebene.

Die Gesellschaft habe ein hohes individuelles Entwicklungsniveau. Es entstünden Gleichgültigkeit und Leerraum, so Bischof Markus. Trotzdem gebe es eine Suche nach Spiritualität. «Die Menschen kommen wieder in die Kirchen und merken, dass wir Weihrauch haben.»

Das Heilige Land

Drei Religionen erheben Anspruch auf das Heilige Land. Es sei ein geomystischer Ort. Israel, Jerusalem seien Symbole des Friedens, so Rabbi Ben-Chorin. Aber die Kluft sei gross und die Phobie «Die Welt hasst uns» ebenfalls. «Änderung – so schnell geht das nicht», ist er überzeugt.

Ihn bedrücke, dass die Zahl der Christen in Israel abnehme, sagte Bischof Markus: «Ich bete, dass das Heilige Land ein Land der Hoffnung bleibt.»

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