«Wir möchten auch eine Heimat»

Sie gehörten zu den ersten syrischen Kurden, die 2002 nach St. Gallen kamen. Nach einer schwierigen Anfangszeit gehe es ihnen heute sehr gut, sagt die Familie Ibrahim. Aber die Nachrichten aus ihrem Land tun ihnen im Herzen weh.

Corinne Allenspach
Drucken
Teilen
Barzan und Attia Ibrahim in ihrem Wohnzimmer in Wittenbach, wo die kurdische und die Schweizer Fahne Platz finden: «Wir leben beide Kulturen und sind sehr dankbar, hier in Sicherheit sein zu dürfen.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Barzan und Attia Ibrahim in ihrem Wohnzimmer in Wittenbach, wo die kurdische und die Schweizer Fahne Platz finden: «Wir leben beide Kulturen und sind sehr dankbar, hier in Sicherheit sein zu dürfen.» (Bild: Hanspeter Schiess)

WITTENBACH. Es ist schon fast eine Sucht. Praktisch stündlich schaut Barzan Ibrahim auf einem kurdischen Kanal die Nachrichten. Dabei wühlt es ihn jedes Mal auf. Und häufig schafft er es nicht, hinzuschauen. Vor allem bei den ganz schlimmen Bildern: Enthauptungen, Folterungen oder Minderjährigen, die im brutalen Krieg kämpfen. «Das tut mir weh im Herzen», sagt der 44jährige Kurde, der 2002 mit seiner Frau Attia und den Söhnen Masut und Ali aus Syrien in die Schweiz geflüchtet ist. Wie sie hierher gelangten, wissen sie nicht: «Im Lastwagen war es nur dunkel.» Was sie wissen: «Wir waren damals die erste syrische Kurdenfamilie in St. Gallen.»

Traurig sein hilft niemandem

Anfangs sei es sehr schwierig gewesen und das Heimweh riesig. Mittlerweile vermisse sie die Schweiz schon, wenn sie mal ein paar Tage weg sei, sagt Attia Ibrahim und lacht. Sie tut es oft während des Gesprächs. Es ist ein gewinnendes Lachen, voller Herzlichkeit und Optimismus. Ein Lachen, das man eigentlich von jemandem erwarten würde, der mehr Glück hatte im Leben. Für die 42-Jährige ist es auch Überlebensstrategie. «Wir sind eigentlich fast immer traurig. Aber weinen bringt nichts, damit helfen wir niemandem.»

Ali lernt seinen Traumberuf

Diese Ohnmacht ist es, die Attia und Barzan Ibrahim am meisten belastet. Ihnen selber fehle es zwar an nichts. Sie seien sehr dankbar, hier in Sicherheit leben zu dürfen, in einem Land, das die Menschenwürde respektiert. «Und wir können unsere Rechnungen selber bezahlen und müssen keine Sozialhilfe beziehen. Das ist sehr gut», sagt Barzan Ibrahim, der eine Zügel- und Putzfirma betreibt und andere Kurden in der Region motiviert, Deutsch zu lernen und zu arbeiten, statt nur daheim zu sitzen und fernzusehen.

Dass Ibrahims heute so gut integriert sind, haben sie auch ihren Wittenbacher Freunden Monika und Peter Zanitti zu verdanken, die die Kurden seit Jahren im Alltag unterstützen. Es sei aber nicht nur ein Geben, betont Monika Zanitti: «Wir schauen gegenseitig zu uns.» Und Attia Ibrahim ergänzt: «Zanittis sind wie eine zweite Familie für uns.» Die Kurdin, die bis vor kurzem im Alterszentrum Kappelhof als Mitarbeiterin der Pflege arbeitete, ist zuversichtlich, dass sie bald wieder eine Stelle findet. Wie ihr 17jähriger Sohn Ali. Er macht eine Kochlehre im «Peter und Paul». «Das ist sein Traumberuf», freuen sich seine Eltern.

Kinder zum Kämpfen zwingen

Aber auch wenn es Ibrahims sehr gut geht, machen sie sich grosse Sorgen um ihre 21 Geschwister und deren Familien. Die meisten leben immer noch im kurdischen Gebiet Syriens an der Grenze zur Türkei. Bisher sei zwar niemandem etwas passiert, sagt Attia Ibrahim. «Aber sie sind arm, haben kein Wasser, keinen Strom und alle haben Angst um ihre Kinder.» Ihr Mann holt sein Smartphone aus der Tasche und zeigt Dutzende von Bildern. Fotos von Minderjährigen, wie er sagt, die gezwungen wurden, im Krieg zu kämpfen. Und das Schlimmste sei: «Nicht nur der IS macht das, auch die kurdische PYD und die PKK und terrorisieren so ihr eigenes Volk.» Er wisse von Eltern, die sich aus Verzweiflung umgebracht hätten, weil sie ihren Sohn ans Militär verloren. «Die rekrutieren Minderjährige zum Teil direkt in der Schule», empört sich Barzan Ibrahim, «aber die Jugendlichen wollen gar nicht kämpfen.»

Keine Papiere und keine Rechte

Der Kurde nimmt kein Blatt vor den Mund, redet sich in Rage. Sein politisches Engagement war auch der Grund für die Flucht vor 13 Jahren: Er hatte sich gegen die damalige Regierung aufgelehnt, die die Kurden schikanierte und ihnen jegliche Rechte verweigerte. Seine Frau erinnert sich, wie sie jeweils am 21. März den kurdischen Nationalfeiertag feiern wollten – und die Männer gleich reihenweise ins Gefängnis gesteckt wurden. Oder daran, dass es verboten war, kurdische Bücher zu haben, selbst wenn es nur Kinderbücher waren. Oder daran, dass sie im eigenen Land nicht im Hotel übernachten konnten, da sie als Kurden keine Papiere hatten und zuerst bei der Polizei eine Bewilligung hätten einholen müssen.

Der Traum vom Schweizer Pass

Barzan Ibrahim kramt aus seinem Portemonnaie die Niederlassungsbewilligung C hervor, die ihm und seiner Familie unbeschränktes Aufenthaltsrecht in der Schweiz gewährt. Dann deutet er auf jenes Wort, das besonders schmerzt: Staatszugehörigkeit – staatenlos. «Alle anderen Völker haben eine Heimat», sagt Attia Ibrahim. «Wir möchten auch eine.»

Darum hat sie, die in Syrien nie eine Schule besuchen durfte, seit 2002 mehrere Deutschkurse gemacht. Inzwischen spricht sie fast fehlerfrei und hat auch lesen und schreiben gelernt. Zufrieden gibt sich die Kurdin aber nicht. Noch müsse sie schneller schreiben lernen, um alle Fragen beim Einbürgerungstest rechtzeitig zu beantworten. Denn ihr grösster Wunsch ist es, den Schweizer Pass zu erhalten. «Damit wir auch einmal irgendwo dazugehören.»