«Wir haben zwei Tage geweint»

REGION AM SEE. Sechs Tage ist es her, seit der polnische Präsident und ein Teil der Elite des Landes bei einem Flugzeugabsturz in Smolensk ums Leben kamen. Die Trauer über den Verlust ist auch bei hier lebenden Menschen aus Polen riesig.

Leonie Müller/Rudolf Hirtl
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Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls mit dem polnischen Volk an einem Fenster in der Lincolnstrasse in Rorschach. (Bilder: Leonie Müller/Rudolf Hirtl)

Zeichen der Solidarität und des Mitgefühls mit dem polnischen Volk an einem Fenster in der Lincolnstrasse in Rorschach. (Bilder: Leonie Müller/Rudolf Hirtl)

Ganz Polen trauert und leidet mit den Hinterbliebenen der Opfer des Flugzeugabsturzes in Smolensk. Auch unter den Menschen, die in der Region Rorschach eine neue Heimat gefunden haben, hat sich tiefe Betroffenheit breitgemacht. «Das Unglück ist eine Tragödie für unser Land», sagt Agraringenieur Krysztof Bielak, der seit dreizehn Jahren in Goldach arbeitet und lebt.

Er habe Lech Kaczynski zwar nicht gewählt – «er war mir zu nationalistisch und EU-feindlich» – aber vor allem seine Frau sei eine Sympathieträgerin in Polen gewesen, und viele gute Leute seien umgekommen. Obwohl er selbst nicht persönlich betroffen sei, empfinde er grosses Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer. «Ich und meine drei polnischen Berufskollegen haben zwei Tage lang geweint.»

Vom Parlament enttäuscht

Seine Frau habe, kurz nachdem sie vom Unglück erfuhren, mit den Familienmitgliedern in Polen telefoniert. Die Katastrophe habe Polen und Russland ein bisschen näher zusammengebracht, ist Bielak überzeugt. «Russland hat sehr fürsorglich reagiert.» Auch in der Schweiz sei das Interesse für die Politik Polens und für den Flugzeugabsturz gross gewesen. Die Medien hätten viel über die Tragödie berichtet.

Er sei jedoch enttäuscht darüber, dass im Schweizer Parlament keine Trauerminute abgehalten worden sei.

Im Laden nicht bedient worden

Die in Rorschacherberg lebende Pflegefachfrau Agnieszka Kolasa ist am Tag des Unglücks zusammen mit ihrem Sohn und ihren Eltern von Polen in die Schweiz gefahren. Beim Zwischenstop in Zakopane hat sie sich über eine völlig aufgelöste Verkäuferin gewundert, die ständig nach hinten zum Fernseher lief, anstatt die Kundschaft im Laden zu bedienen.

«Als die Frau endlich sagte, was passiert ist, waren wir alle entsetzt und konnten es kaum fassen. Bis Bratislava in der Slowakei konnten wir die Berichterstattung über die Tragödie im polnischen Radio mitverfolgen. Es war sehr berührend, die vielen weinenden Stimmen zu hören.» Auf das Aufstellen einer symbolischen Geste des Trauerns in ihrer Wohnung, etwa eine Kerze, verzichtet Agnieszka Kolasa; dennoch trage sie eine grosse Trauer im Herzen.

In den vergangenen Tagen habe sie oft polnisches Fernsehen geschaut, dies habe ihr geholfen, das Geschehen zu verarbeiten. Normalerweise sitze sie nur sehr selten vor dem Fernseher.

Ein schlechter Scherz

Agnieszka Korbanek, Kosmetikerin, wohnt in Rorschach, erfuhr erst am Sonntag vom Unglück. Ihr Ex-Mann habe ihr davon erzählt. «Ich dachte, das ist ein schlechter Scherz.

» Erst als sie sah, dass alle polnischen Sender darüber berichteten, konnte sie es glauben. Vor ihrem Fenster stellte sie eine Kerze auf und plazierte eine polnische Flagge mit schwarzem Bändel darauf, um ihr Mitgefühl auszudrücken. Egal, wie weit sie von Polen entfernt sei, sie fühle mit dem ganzen Volk und vor allem mit den Hinterbliebenen.

«Schlimm ist, dass es zum zweitenmal, fast am selben Ort, die ganze polnische Elite getroffen hat.» Ob das Russland und Polen wieder näher zusammenbringe, interessiere sie wenig. «Ich denke an die menschliche Tragödie und nicht an Politik.» Viele gute Leute seien umgekommen. Menschen, die in der Geschichte Polens eine grosse Rolle gespielt hätten. «Es ist eine schwierige Situation für Polen, aber solche Momente führen Menschen zusammen.»