WIL/GOSSAU: Weniger aktiv, dafür nüchtern

Im Wiler Stadtparlament stauen sich die parlamentarischen Vorstösse. In Gossau ist dies anders. Teilweise müssen Sitzungen mangels Geschäften sogar abgesagt werden. In Gossau gebe es dafür weniger Selbstdarsteller.

Simon Dudle
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In Gossau verlaufen die Sitzungen des Stadtparlaments nüchtern – ganz im Gegensatz zu Wil. (Archivbild: Ralph Ribi)

In Gossau verlaufen die Sitzungen des Stadtparlaments nüchtern – ganz im Gegensatz zu Wil. (Archivbild: Ralph Ribi)

WIL/GOSSAU. Das Wiler Stadtparlament kommt kaum zur Ruhe. Beispiel ist die vergangene Sitzung, an der dreizehn Traktanden angesetzt, aber nur zehn behandelt wurden. In der Äbtestadt stauen sich die Anträge regelrecht, was den SVP-Stadtparlamentarier Erwin Böhi ernsthaft stört. Er hat kürzlich eine Motion eingereicht, weil aus seiner Sicht der Schlendrian eingekehrt ist. Seine Forderung: parlamentarische Vorstösse vor den anderen Geschäften behandeln.

Keine Selbstdarsteller in Gossau

In Gossau allerdings sieht es ganz anders aus. «Wir haben bei uns keinen Bedarf für eine solche Strukturierung, es war auch noch nie ein Thema. Der Präsident legt die Traktandenliste fest», sagt Urs Salzmann, Kommunikationsbeauftragter der Stadt Gossau. Einen Stau an Geschäften gibt es in der viertgrössten Gemeinde des Kantons nicht. Im Gegenteil. Es fallen immer wieder Sitzungen aus, weil zu wenig behandlungswürdige Geschäfte anstehen. Es werden auch weniger Sitzungen anberaumt als in Wil. Im laufenden Jahr sind es in Gossau sieben, in der Äbtestadt elf. Eine Sitzung dauert in Gossau zwei Stunden – und kann auf Antrag verlängert werden, was aber eher selten geschieht. In Wil wurde unlängst für dieses Jahr eine Verlängerung um eine Stunde bis 21 Uhr beschlossen. Zusammen mit dem Beginn um bereits 17 Uhr ergibt sich eine deutlich längere Sitzungsdauer. Allerdings ist bei diesem Vergleich zu beachten, dass das Wiler Stadtparlament mit 45 Mitgliedern doch um einiges grösser ist.

Salzmann kennt das Wiler Stadtparlament aus dessen Anfängen in den 1980er-Jahren, weil er damals als Reporter für Radio Wil regelmässig dort war. Er sagt: «Ein Fall Sarah Bösch wäre in Gossau nicht möglich. Es geht hier viel nüchterner und pragmatischer zu und her. Die Selbstdarstellung ist weniger gross.»

Mehr Vorstösse erwartet

Auch die Anzahl eingereichter Vorstösse ist in Gossau deutlich tiefer als in Wil. Vergangenes Jahr waren es in Gossau acht – fünf Motionen, zwei Interpellationen und ein Postulat. In Wil zählte man 2015 deren zwanzig – zehn Interpellationen, eine dringliche Interpellation, zwei Motionen, ein dringliches Postulat und sechs Einfache Anfragen. Dies entspricht einer Zunahme um sechs Vorstösse innerhalb eines Jahres. Parlamentspräsidentin Christa Grämiger erwartet für das laufende Jahr gar noch mehr Vorstösse.

Und in der Stadt St. Gallen? Dort ist das Gremium mit 63 Parlamentariern deutlich grösser als in Gossau und Wil. Wie in der Äbtestadt findet in der Regel eine Sitzung pro Monat statt. Diese dauert von 16 bis 19 Uhr – ausser die Rechnungs- und die Budgetsitzung, welche zeitlich unbegrenzt sind, in der Regel aber nicht viel länger als bis um 20 oder 21 Uhr dauern. In St. Gallen waren es 2015 38 parlamentarische Vorstösse. Einen Stau gibt es dennoch nicht. «Bei uns werden Sachgeschäfte vor parlamentarischen Vorstössen beraten, weil erstere in der Regel einem gewissen Zeitdruck unterliegen und letztere oftmals nicht dringlich sind», sagt Manfred Linke, Stadtschreiber St. Gallens.