Wiener Charme ins Dorf gebracht

Schwarze Schürze und Pagenschnitt: So kennen die Abtwiler sie seit Jahren. Nicht nur ihr Aussehen, auch ihre Freude an der Arbeit hat sich Doris Schrödl bewahrt. Jetzt geht sie in Pension und übergibt ihr Café in andere Hände.

Corinne Allenspach
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Abtwil. Doris Schrödl erinnert sich genau. Weissbrot wurde nur einmal pro Woche gebacken – am Samstag. Das war 1974, als sie mit ihrem damaligen Mann Georg die Dorfbäckerei in Abtwil eröffnete. Dort, wo der heutige «Sternen» einquartiert ist. Seither hat sich vieles verändert. Die Bäckerei Schrödl zog 1983 aus Abtwil weg, Doris Schrödl kam 1999 zurück und eröffnete ihre eigene Café-Konditorei mit Wiener Ambiente. 35 verschiedene Spezialbrote liegen hier im Regal – an sechs Tagen die Woche.

Auch Nachfolger mit Herzblut

Sie habe immer gesagt, solange sie die Ladentür morgens um 5 noch gerne aufmache, höre sie nicht auf. Doris Schrödl sitzt auf einem der drei stoffbezogenen Sofas ihres Cafés und blickt ins Weite. Zwar treffe dies nach wie vor zu, trotzdem sei es mit über 65 Jahren Zeit zum Aufhören. Ende Juli ist definitiv Schluss, übernimmt die Bäckerei Gschwend aus St. Gallen, die schon seit elf Jahren die Backwaren liefere, das Café in Abtwil. Sie habe ein «sehr gutes Gefühl», was die Nachfolger betreffe, sagt Doris Schrödl.

«Ich kenne sie und weiss, dass sie Herzblut mitbringen.» Trotzdem gehe sie «mit einem weinenden Auge». Denn die Bäckerswelt ist ihr in all den Jahren lieb geworden. «Vielleicht, weil es immer so schön warm ist.»

Gefragte «Bürlifrau»

Ihre Lehre zur Bäckerei- und Konditoreiverkäuferin machte Doris Schrödl beim BeckBeck in St. Gallen.

Dort lernte sie auch ihren Mann kennen, mit dem sie drei Kinder hat und neun Jahre lang die Dorfbäckerei in Abtwil führte. An den «Bürlimann» und die «Bürlifrau», die jeden Tag auf den Pausenplatz kamen, erinnern sich die Abtwiler noch genau. «Weisst du, das ist jetzt die Frau, bei der ich mein Brot kaufte, als ich so alt war wie du», erzählen sie heute ihren Kindern, wenn sie im Café einkehren.

«In solchen Momenten wird es mir immer ganz warm ums Herz», sagt Doris Schrödl, eine Abtwilerin durch und durch.

Erst vor kurzem wurde das ehemalige Bäckerpaar zu einer Klassenzusammenkunft gerufen, um Brötli zu verkaufen wie anno dazumal. Da liessen sie sich nicht zweimal bitten. Georg Schrödl schlüpfte ins Bäckergwändli und hupte, als er auf dem Pausenplatz im Schulhaus Grund vorfuhr. Wie in guten alten Zeiten. Ebenso die Ladung im Kofferraum: Die beliebten Butterbrezeli für 50 Rappen.

Heute werden sie für Fr. 2.20 verkauft.

Café als fester Wert für Abtwil

Mit der Eröffnung ihres Cafés – dem einzigen im Dorfzentrum – hat sich Doris Schrödl 1999 einen Traum erfüllt. Nicht nur für sie, auch für Abtwil war dies ein Glücksfall. «Das Café Schrödl ist ein fester Wert und hat sich zu einem beliebten Treffpunkt entwickelt», sagt Gemeindepräsident Andreas Haltinner. Was zweifelsohne auch der Ausstrahlung von Doris Schrödl und ihrem Team zu verdanken sei.

Viel freudige, aber auch traurige Momente haben die Abtwiler in den vergangenen Jahren im Café miteinander geteilt. So kehrten öfters auch Prominente hier ein: Sängerin Nella Martinetti, Springreiter Markus Fuchs, Ex-Radprofi Beat Breu, der ehemalige FCSG-Trainer Rolf Fringer und der jetzige Uli Forte oder Spieler des FC St. Gallen. Regelmässiger Gast war auch die verstorbene Skirennfahrerin Corinne Rey-Bellet.

Erst mal in Ruhe frühstücken

«Wenn das Café nicht wäre, müsste man es erfinden», höre er immer wieder von den Leuten, sagt Hans Peterer, der Lebenspartner von Doris Schrödl. Derzeit sind beide eifrig am Lager räumen. Dort hat sich so einiges angesammelt. Vor allem Dekomaterial, das Doris Schrödl brauchte, um in ihrem Café immer wieder aufs Neue ein gemütliches Ambiente zu schaffen.

Was sie nach ihrer Pensionierung als erstes tun, sei klar, sagt das Paar: «In Ruhe frühstücken und Zeitung lesen. Denn das konnten wir nie.»