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WIEDERBELEBT: Eine Wagenladung Erinnerungen

Wo immer ein Verkaufswagen der Migros auftaucht, weckt er Erinnerungen. Jetzt hat die Migros Ostschweiz ein altes Fahrzeug restauriert und geht damit auf Tour. Am Steuer sitzen richtige «Verkaufswägeler».
Corinne Allenspach
Der Wittenbacher Roland Früh arbeitet seit 47 Jahren bei der Migros und freut sich, nach Jahrzehnten wieder einen Verkaufswagen zu steuern.

Der Wittenbacher Roland Früh arbeitet seit 47 Jahren bei der Migros und freut sich, nach Jahrzehnten wieder einen Verkaufswagen zu steuern.

Im Zeitalter von 24-Stunden-Onlineshopping, Einkaufstourismus und Tankstellenshops ist es kaum vorstellbar, dass es erst 20 Jahre her ist, seit die Verkaufswagen-Ära der Migros in der Region zu Ende ging. Die wenigen Wagen, die überlebt haben, stehen meist ausrangiert in Hinterhöfen von Privaten. Dabei gibt es vermutlich keinen anderen Lastwagen, der mehr Emotionen weckt. Und zwar nicht nur bei den ehemaligen «Verkaufswägelern», wie sich die Chauffeure bezeichnen, sondern auch in der Bevölkerung. Fast jeder, der heute über 30 Jahre alt ist, weiss eine Anekdote zu erzählen, wenn der Migros-Wagen jeweils im Quartier oder gar in der eigenen Strasse angehalten hat und man dadurch an einem schönen Sommertag ganz unverhofft ein Glace kaufen durfte.

Einer, der stundenlang erzählen könnte, ist Roland Früh. Der Wittenbacher ist seit 47 Jahren bei der Migros tätig, früher auch als «Verkaufswägeler». Wie die meisten würde auch er sofort wieder als solcher arbeiten, wenn es den Job noch gäbe. «Verkaufswägeler», das waren Dienstleister, Seelendoktoren, Taxifahrer und Frauenversteher in einer Person. 99 Prozent der Kundschaft waren Frauen, viele davon konnten nicht Auto fahren, und die Chauffeure trugen ihnen die schwere Ware jeweils bis in den Keller. Dafür gab’s als Dank einen Kafi-Luz, und nicht selten standen die Kundinnen Spalier, wenn ein «Verkaufswägeler» heiratete. Roland Früh hatte 1979 zudem einen ganz besonderen Einsatz: Nach einem schweren Erdbeben leistete er in Montenegro Katas­trophenhilfe. Die Migros stellte dafür Wagen zur Verfügung.

«Ein Strauss voller Ideen» für den Verkaufswagen

Frühs Freude ist darum gross, dass die Migros Ostschweiz einen Verkaufswagen aus dem Jahr 1989 restauriert und wieder fahrtüchtig gemacht hat. «Ich fand es immer Wahnsinn, dass man mit Duttis Erbe 1997 einfach so Schluss gemacht und alle Verkaufswagen veräussert hat», sagt Früh. Andreas Bühler, Mediensprecher der Migros Ostschweiz, weiss: «Damals wollte die Migros halt einfach modern sein.» Meist brauche es die zeitliche Distanz, um den Wert von etwas wieder zu schätzen. Inzwischen hat man erkannt: Wo immer ein Verkaufswagen auftaucht, schwelgen die Leute in Erinnerungen. Den Wagen anschauen und dabei Erinnerungen aufzufrischen, das sei auch das Ziel, das man verfolge, sagt Andreas Bühler. «Wir haben null Ambitionen, damit Umsatz zu erzielen.» Vielmehr habe man «einen Strauss voller Ideen», was man alles machen könne. So will die Migros den Wagen künftig nutzen, um die Jubiläen ihrer Filialen zu feiern, aber auch für spezielle Aktivitäten: etwa, um jemanden mit einem Besuch zu überraschen. Fahren werden ehemalige «Verkaufswägeler» wie Andreas Aepli, heute Leiter im Rheinpark St. Margrethen, oder Roland Früh. Obwohl der Wagen aktuell mit Weihnachtsartikeln gefüllt ist, ist vorerst kein Verkauf geplant. «Sollte Einkaufen gewünscht sein, müssten wir darüber reden», sagt Bühler.

Widerstände und eine Pistole für jeden Chauffeur

Solche Sympathieträger wie heute waren die Verkaufswagen nicht immer. Als Gottlieb Duttweiler im August 1925 mit den ersten fünf Wagen in Zürich startete, um Lebensmittel günstig direkt an Private zu verkaufen, war die Migros allen ein Dorn im Auge: Parteien, Politikern, Gewerblern und Gewerkschaften. «Die Widerstände waren enorm», weiss Bühler. «Unter anderem gab es zig Gemeindebeschlüsse, die der Migros verboten, im Dorf Halt zu machen.» Und dies, obwohl zu Beginn nur sechs Artikel im Angebot waren: Zucker, Teigwaren, Kaffee, Reis, Seife und (auf Bestellung) Kokosfett.

Roland Früh erinnert sich gar, dass jeder Chauffeur eine Pistole hatte. Der Grund: 1930 war zweimal auf den Filialleiter des ersten Migros-Ladens am Burggraben in St. Gallen geschossen worden. Später auch auf einen Verkaufschauffeur. Doch die Frauen liessen sich nicht beirren und nutzten das Angebot der Migros rege, oder wie Duttweiler 1930 schrieb: «Und Gott sei Dank: die St. Galler Hausfrauen mit ihrem bewährten Sinn für das Reale, Wirkliche und Tatsächliche!»

Verkaufswagen auf Tour

Sa, 18. November, 11-15 Uhr, Säntispark Abtwil; So, 26. November, 12-16 Uhr, Rheinpark St. Margrethen; weitere Daten unter www.migros-verkaufswagen.ch

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