Wie viel Schule braucht es?

Lehrerverband und Regierung sind sich uneins, wie viele Unterrichtsstunden notwendig sind, um das Bildungsniveau im Kanton zu halten. Die SVP warnt vor einem Abbau der Lektionenzahl.

Regula Weik
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Wie viele Unterrichtsstunden sind notwendig? (Bild: Bildarchiv: TZ)

Wie viele Unterrichtsstunden sind notwendig? (Bild: Bildarchiv: TZ)

ST. GALLEN. Lehrerinnen und Lehrer mit mindestens einem halben Pensum werden im Kanton St. Gallen entlastet. Um die Pensenreduktion der Lehrpersonen vollumfänglich zu kompensieren, müssten elf Unterrichtslektionen jährlich gestrichen werden. Zu viele, sagt die Regierung. Und so haben die St. Galler Kinder und Jugendlichen künftig «nur» acht Lektionen weniger Schule pro Jahr. Der Rest der Lehrerentlastung wird über zusätzliche Stellen wettgemacht – und kostet; das stört einzelne Parteien (Ausgaben vom 25. und 31. August).

Der nationale Vergleich

Ist ein Abbau von elf Lektionen jährlich tatsächlich «unverantwortlich», wie die Regierung festhält? Der Kantonale Lehrerinnen- und Lehrerverband verneint. Eine solche Reduktion sei durchaus tragbar. Der Kanton St. Gallen nehme mit seiner heutigen Unterrichtszeit im schweizweiten Vergleich einen Spitzenplatz ein – und er befinde sich auch nach dem Abbau «noch immer im nationalen Durchschnitt».

Die Regierung hält dagegen: Die Pisa-Untersuchungen hätten wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt, wonach ein direkter Zusammenhang zwischen dem Umfang des Unterrichts und dem Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler besteht. «Länder und Kantone mit längerer Unterrichtszeit schneiden bei Pisa tendenziell besser ab als Länder und Kantone mit kürzerer Unterrichtszeit.» Der Schulunterricht, so die Regierung, könne nicht einfach abgebaut werden, «ohne dass beim Unterschreiten einer Grenze die Schulqualität tangiert ist».

Diese Grenze setzt der Kantonale Lehrerinnen- und Lehrerverband tiefer an als die Regierung – und er hält fest: Die Version «11 Lektionen minus» hätte den Vorteil, dass die Entlastung der Lehrpersonen kostenneutral umgesetzt werden könnte. Der Vorschlag der Regierung kommt die Gemeinden auf 4,8 Millionen Franken zu stehen.

SVP: «Unverantwortlich»

Die SVP wehrt sich vehement gegen den Abbau von Unterrichtsstunden: «In Zeiten, in denen die Wirtschaft feststellen muss, dass die Grundfähigkeiten der Lernenden oft nicht mehr den Mindestanforderungen entsprechen, ist es unverantwortlich, den Unterricht abzubauen – und das, um gewerkschaftlichen Forderungen zu genügen.»

Für die BDP ist die Vorlage ein «verträglicher Kompromiss». Allerdings hat er für die Partei einen Wermutstropfen: «Der Kanton St. Gallen gibt durch den gleichzeitigen Lektionenabbau für die Schülerinnen und Schüler einen seiner wenigen Standortvorteile ab.»

Vertretbarer Abbau

Anders beurteilt die SP die Konsequenzen, welche die Entlastung der Lehrpersonen nach sich zieht. Für sie ist ein Stundenabbau vertretbar. «In Anbetracht dessen, dass der Kanton St. Gallen im schweizerischen Durchschnitt bei der Lektionenzahl vorne liegt, ist es pädagogisch vertretbar, dass die St. Galler Schulkinder pro Jahr acht Lektionen weniger beschult werden.»

Zum selben Schluss kommt auch die CVP: Der vorgeschlagene Verzicht auf acht Lektionen pro Jahr sei angesichts der «überdurchschnittlichen Belastung der St. Galler Schülerschaft vertretbar». Ein weiterer Abbau würde allerdings die Ausbildungsqualität als auch verbindliche Vorgaben (HarmoS, Lehrplan 21, Blockzeiten) in Frage stellen.

Auch die EVP warnt. Die vorgeschlagene Kompromisslösung sei «angemessen und realistisch». Dann fügt die Partei an: «Wir warnen aber davor, weitere Schülerstunden abzubauen.»

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