Wie unsere Bäche fliessen

ST. GALLEN. Der Kanton St. Gallen sammelt diesen Winter gemäss neuer Gewässerschutzverordnung die Daten seiner Gewässer. Mit den Daten sollen Revitalisierungen ermöglicht, Gewässerräume festgelegt und Schutzbauten registriert werden.

Marcel Elsener
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In der Steinach am Rand von St. Gallen-St. Georgen sammelt Alois Seeholzer Daten zu Bachbreite, Wassertiefe oder Uferzustand. (Bild: Ralph Ribi)

In der Steinach am Rand von St. Gallen-St. Georgen sammelt Alois Seeholzer Daten zu Bachbreite, Wassertiefe oder Uferzustand. (Bild: Ralph Ribi)

Die Steinach führt reichlich trübes Regenwasser, etwas zu viel, meint Alois Seeholzer, der in Gummistiefeln bachaufwärts watet. Lieber wären ihm klareres Wasser und entlaubte Sträucher entlang der Ufer. Denn er will den Bach untersuchen, die unterschiedlichen Tiefen der Sohle, Ansammlungen von Kies oder Holz, Erosionen bei den Böschungen, Verbauungen wie Schwellen oder Sperren. Und so weiter – der Kulturingenieur vom Appenzeller Büro Hersche trägt nebst seiner Fotokamera eine Beige Formulare mit, auf denen er Abschnitt um Abschnitt seine Beobachtungen einträgt. Fischvorkommen gehören nicht dazu, wohl aber gewisse Pflanzen wie Algen und aggressive Einwanderer (Neophyten) wie der japanische Knöterich.

2600 von 8500 Kilometern

Der halbe Kilometer, den Seeholzer an der Steinach oberhalb von St. Gallen zurücklegt, ist ein Testlauf für die kantonalen Gewässeraufnahmen. Vom Tiefbauamt beauftragte Büros sammeln bis zum Frühling – wenn die Vegetation die beste Sicht erlaubt – die ökomorphologischen Daten aller grösseren und kleineren Gewässer vom Oberland bis an den Bodensee. Längenmässig bedeutet dies rund 2600 Kilometer. Der grosse Rest des St. Galler Gewässernetzes – gut 6000 Kilometer – wird nicht erfasst: es sind Bäche in Waldgebieten, in Sömmerungs- und höher gelegenen Bergregionen sowie eingedolte Gewässer.

Viele der 2600 Wasserkilometer fliessen durch bewohnte und private Grundstücke. Aus diesem Grund lässt das kantonale Tiefbauamt Flyer und Informationsblätter verteilen: «Sie wundern sich, warum fremde Menschen ihr Grundstück betreten?» Die gemäss Wasserbaugesetz zum Betreten jeglicher Grundstücke berechtigten Fachleute müssten sich als «Hintenherumschleicher» zuweilen erklären, doch unliebsame Situationen seien die Ausnahme, sagt Alois Seeholzer.

Lebendigere Gewässerräume

Nein, von einem Bläss sei er noch nie gebissen worden, lacht der Ingenieur, der die gleichen Erhebungen bereits in Appenzell Ausserrhoden gemacht hat und nun den Fortlauf im Neckertal in Angriff nimmt. Polizeiliche Funktionen hat er im übrigen nicht, auch wenn er krasse Verschmutzungen und vergiftete Fische selbstverständlich meldet.

Möglich, dass Wasserexperten wie Seeholzer da und dort in Diskussionen verstrickt werden. Nicht die Datenerhebung ist problematisch, wohl aber ihr Hintergrund: Bekanntlich wettern Landwirte (und ihre Politiker) gegen die eidgenössische Gewässerschutzverordnung, die erweiterte und naturnähere Gewässerräume anstrebt. Sie beklagen den Verlust von (Extensiv-)Nutzland und Einschränkungen etwa bei Schnittzeiten. Allerdings ist das neue Gesetz ein Kompromiss zur populären Volksinitiative «Lebendiges Wasser» aus Fischereikreisen, die unter anderem die Revitalisierung aller Gewässer in schlechtem Zustand forderte; mit den neuen Bestimmungen werden ein Viertel solcher Gewässer revitalisiert.

Heinz Meier, Leiter Wasserbau beim St. Galler Tiefbauamt, und sein Projektleiter Jürg Marthy bezweifeln, dass sich für die Bauern erhebliche Einschränkungen ergeben; der Einsatz von Dünger und Pestiziden entlang der Gewässer sei heute schon verboten. Und sie erinnern daran, dass zur Entschädigung von Ertragseinbussen wegen extensiver Nutzung (zwischen 12 000 und 20 000 Hektaren, je nach Schätzung) die Direktzahlungen um 20 Millionen Franken aufgestockt worden sind. In der Landwirtschaftszone seien aber «noch viele Fragen offen», sagt Wasserbauleiter Meier, «da werden wir uns hüten, jetzt schon in Aktivismus zu verfallen».

St. Gallen in Zugzwang

Dabei hat die Festlegung der Gewässerräume in St. Gallen keine Priorität; der Bund fordert dies bis 2018. Vordringlicher ist die Revitalisierungsplanung, die im Entwurf bereits 2013 vorliegen sollte. «Wenn wir je wieder Gelder für Revitalisierungen erhalten wollen, dann müssen wir diese Planung vorantreiben», weiss Meier. St. Gallen ist in Zugzwang: Er ist – nebst Zug – der letzte Kanton, der die Feldaufnahmen noch nicht erledigt hat. 2005 war das Vorhaben von der Regierung aus Spargründen zurückgestellt worden.

Der Vorteil der späten Erhebung: St. Gallen kann unter dem Titel «Ökomorphologie plus» sozusagen in einem Aufwisch alle Anforderungen berücksichtigen – also nebst der Beschaffenheit von Sohlen und Ufern auch andere erwünschte Daten, etwa zu Längshindernissen, sammeln.

Eine Art Wiedergutmachung

Schliesslich geht es – hier sind zur Finanzierung die Kraftwerke respektive ihr Swiss-Grid-Topf gefordert – auch um Fischtreppen, Geschiebehaushalt sowie Schwall und Sunk. Man kann im umfassenden Sinn von Wiedergutmachung sprechen, von Korrekturen jener Eingriffe der letzten Jahrzehnte, wie sie der Bund benannt hat: «Durch die Einengung und Begradigung vieler Gewässer hat das Überschwemmungsrisiko zugenommen und sind artenreiche Biotope zerstört worden.»

Dies zu verbessern dürfte nicht nur Fischer interessieren.