Wie ein Brand Gossau gestaltete

GOSSAU. Am Samstag öffnete Historiker Karl Schmuki den Teilnehmern seiner Führung die Augen für das Gossau vergangener Jahrhunderte. Er machte deutlich, was für einschneidende Wirkungen ein Brand und der Bau zweier Bahnhöfe hatten.

Johannes Wey
Drucken
Teilen
Das Weibelhaus (r.) ist eine Station der Führung. (Bild: Benjamin Manser)

Das Weibelhaus (r.) ist eine Station der Führung. (Bild: Benjamin Manser)

GOSSAU. Sogar eingefleischte Ur-Gossauer konnten am Samstag noch etwas über ihr «Dorf», wie Karl Schmuki zu sagen pflegt, erfahren. Der stellvertretende Bibliothekar der Stiftsbibliothek St. Gallen nahm auf Einladung des Quartiervereins Hirschberg rund zwei Dutzend Interessierte mit auf einen Rundgang, vornehmlich «durch das Gossau des 19. und 20. Jahrhunderts», mit einzelnen Ausreissern in frühere Zeiten. Zwischen Maimarkt-Getümmel und Verkehrslärm war einiges zu sehen, wofür sonst die Augen oft verschlossen bleiben.

Appenzellerhaus im Zentrum

Besammlung war beim für Schmuki markantesten Bauwerk Gossaus, der Andreaskirche. Eine Kirche sei an diesem Standort erstmals 910 erwähnt worden, Gossau selber rund 100 Jahre davor. «Das Dorf war immer sehr eng mit dem Kloster St. Gallen verbunden und zeitweise eine Stütze der Fürstabtei», so Schmuki. Etwa zwischen Ende des 15. und Ende des 18. Jahrhunderts, als das Schloss Oberberg als Verwaltungszentrum diente.

Das heutige Gesicht Gossaus wurde laut Schmuki massgeblich im 18. Jahrhundert geprägt, nachdem 1731 ein Dorfbrand die Kirche und zahlreiche Bauten im Dorfkern zerstört hatte. Dies war auch der Zeitpunkt, indem sich Niederwil und Andwil mit eigenen Kirchen von Gossau emanzipierten. So kam auch das «Weibelhaus» an die Herisauerstrasse: Ein Gossauer, der sein Haus an dieser zentralen Lage möglichst bald wieder beziehen wollte, kaufte kurzerhand ein Haus in Waldstatt und liess es in Einzelteilen nach Gossau bringen und wieder aufbauen. Noch heute ist es als typisches Appenzellerhaus erkennbar.

Lange hohe Beizendichte

Ausgehend von den Restaurants rund um den Ochsenkreisel, zeigte Schmuki auf, dass es in Gossau nie an Gaststätten mangelte. Um 1830 konnten die 8000 Einwohner beispielsweise unter 45 Lokalen, von denen viele nur zum Nebenverdienst dienten, wählen. Heute hat die Stadt mehr als doppelt so viele Einwohner, aber ungefähr gleich viele Gaststätten, sagte Schmuki.

Bahnhof kurbelt Entwicklung an

Vom Ochsenkreisel ging es weiter in die Nähe von Postplatz und Bundwiese, wo 1856 der erste Bahnhof gebaut wurde, der in Gossau eine starke Entwicklung in Gang setzte. Bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs verdreifachte sich die Einwohnerzahl Gossaus, das bis dahin mit knapp 2700 Einwohnern stets ähnlich gross wie Waldkirch gewesen war.

Der Bahnhof machte das Bauerndorf dank der Anbindung an St. Gallen auch zu einem Standort der Textilindustrie. Ab 1890 wurden laut Schmuki die ersten Fabriken gebaut, zusätzlich zu den Manufakturen in den Kellern von Privathäusern. Aus dieser Zeit stammt Schmuki zufolge auch das heutige «Werk 1». Bis zum Ersten Weltkrieg habe rund ein Drittel der Einwohner in der Textilbranche gearbeitet. Nach dem Krieg folgte der Niedergang der Textilindustrie in der Ostschweiz und Gossau verlor wie andere Gemeinden viele Einwohner.

Die Brauerei, ein «Palast»

Weiter ging es zur 1902 fertiggestellten Brauerei Stadtbühl, die Schmuki ins Schwärmen brachte: «Eines der schützenswertesten Gebäude Gossaus, schon fast ein Palast» sei der Sitz der Brauerei, die mit dem Gründungsjahr 1858 eines der ältesten noch existierenden Gossauer Unternehmen ist. Der Architekt hatte zuvor rund um Gossau im selben Stil mehrere Käsereien, die zum Teil ebenfalls bis heute stehen, gebaut. Die Brauerei bildete aber den Höhepunkt seines Schaffens, sagte Schmuki.

Die Überreste der Parkanlage

In unmittelbarer Nähe der Brauerei gibt es noch mehr bedeutende Stätten aus der Geschichte Gossaus. Ein unscheinbarer Hügel ist beispielsweise das letzte Überbleibsel der Stadtbühl-Parkanlage mit Englischem Garten, die 1911 im Zuge der Bahnhofverlegung zerstört wurde. Und nur wenige Meter daneben die Goldzack-Halle, wo einst Gummibänder hergestellt wurden. Die Halle galt laut Schmuki lange als «Kultbau des architektonischen Minimalismus» und zog Architekturstudenten von nah und fern an. Von der Goldzack-Halle ging die Tour weiter zum heutigen Bahnhof. Dort endete die Führung nach anderthalb informativen Stunden.

Stationen der Führung (von oben links im Uhrzeigersinn): Das Weibelhaus (grau), das ursprünglich in Waldstatt stand, die Andreaskirche, die Brauerei Stadtbühl als eine der ältesten noch existierenden Firmen in Gossau und die Goldzack-Halle, die lange ein Lehrbeispiel für Architekten war. (Bilder: Benjamin Manser)

Stationen der Führung (von oben links im Uhrzeigersinn): Das Weibelhaus (grau), das ursprünglich in Waldstatt stand, die Andreaskirche, die Brauerei Stadtbühl als eine der ältesten noch existierenden Firmen in Gossau und die Goldzack-Halle, die lange ein Lehrbeispiel für Architekten war. (Bilder: Benjamin Manser)

'ALTSTADT', GOSSAU: Durch den Quartierverein Hirschberg organisierte historische Stadtführung mit Vize-Stiftsbibliothekar Karl Schmuki durch Gossau. IM BILD: Die Ehemalige Gummibandweberei. [2.05.2015] © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

'ALTSTADT', GOSSAU: Durch den Quartierverein Hirschberg organisierte historische Stadtführung mit Vize-Stiftsbibliothekar Karl Schmuki durch Gossau. IM BILD: Die Ehemalige Gummibandweberei. [2.05.2015] © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

'ALTSTADT', GOSSAU: Durch den Quartierverein Hirschberg organisierte historische Stadtführung mit Vize-Stiftsbibliothekar Karl Schmuki durch Gossau. [2.05.2015] © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

'ALTSTADT', GOSSAU: Durch den Quartierverein Hirschberg organisierte historische Stadtführung mit Vize-Stiftsbibliothekar Karl Schmuki durch Gossau. [2.05.2015] © Benjamin Manser / TAGBLATT (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Aktuelle Nachrichten