«Widerstand muss öffentlich stattfinden»

Über 100 Leute haben am Samstag in der Stadt gegen das St. Gallen Symposium demonstriert (Ostschweiz am Sonntag von gestern). Es findet diese Woche an der Universität statt. Tim Rüdiger, Mitorganisator der Demo, erklärt, was er gegen das «kleine WEF» hat.

Corina Tobler
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Tim Rüdiger Juso St. Gallen/Mitorganisator Kundgebung «Smash little WEF» (Bild: Corina Tobler)

Tim Rüdiger Juso St. Gallen/Mitorganisator Kundgebung «Smash little WEF» (Bild: Corina Tobler)

Herr Rüdiger, Sie sind Mitorganisator der «Smash little WEF»-Demo. Damit treten Sie öffentlich gegen die HSG auf. Warum?

Tim Rüdiger: Ich bin kein HSG-Gegner. Aber die Uni ist einer der wichtigsten Wissensproduzenten für die «neoliberale Welt». Die HSG-Studierenden müssen zwar Kontextfächer wie Kulturwissenschaft oder Philosophie belegen. Ulrich Thielemann, der Ex-Vizedirektor des HSG-Instituts für Wirtschaftsethik, sagte aber im «Saiten»-Interview, diese Fächer seien nur Beigemüse, um im Hauptstudium neoliberal lehren zu können. Dabei hat uns das neoliberale Wirtschaftssystem die Krise seit 2008 beschert.

Sähen Sie St. Gallen lieber ohne Universität?

Rüdiger: Nein, ich will, dass St. Gallen eine Uni-Stadt ist. Ich finde aber, dass die HSG zur Stadt ein ungesundes Verhältnis hat, weil die angebotenen Studienrichtungen so einseitig sind. So ist die HSG kein gutes Identitätsmerkmal für die Stadt.

Sie verurteilen den Neoliberalismus. Was ist denn Ihre Alternative dazu?

Rüdiger: Demokratie, also die Selbstbestimmung der Menschen. Der Neoliberalismus lässt diese aussen vor. Meiner Meinung nach müsste man auf der Strasse, im Parlament, in den Schulen, überall wo Menschen sind, Alternativen ausdiskutieren. Besonders dann, wenn der Neoliberalismus keine befriedigenden Antworten liefern kann. Es gibt nämlich Alternativen. Beispiele sind die 1:12-Initiative der Juso oder die linke Regierung in Griechenland, die allerdings in Europa ignoriert und nicht ernst genommen wird.

Die 1:12-Initiative ist aber in der Volksabstimmung gescheitert…

Rüdiger: Ja. Weil die Idee, dass das Volk bei den Löhnen mitreden könnte, im neoliberalen Wirtschaftssystem unvorstellbar ist. Die Argumentation ist immer die gleiche. «Das geht nicht!» Oder: «Das macht man nicht!» Diese Denkweise basiert allein auf Sachzwängen.

Sie brauchen aber auch Geld zum Leben, das aus dem heutigen Wirtschaftssystem kommt.

Rüdiger: Klar, man kann nicht ausserhalb des Systems leben. Wer privat alternativ leben will, sieht diese Lebensweise vom neoliberalen System richtiggehend «aufgesaugt». Es verkauft einem die Schaufel fürs Gärtli und die Samen dazu. Daher muss der Widerstand öffentlich stattfinden, nicht privat.

So wie mit der Demonstration vom Samstag. Haben Sie keine Angst, dass diese von den Passanten eher negativ aufgenommen wird, letztlich also kontraproduktiv für Ihre Ideen ist?

Rüdiger: Nein. Die Passantinnen und Passanten, die ich traf, reagierten positiv und interessiert, einige schlossen sich sogar an. Dass vorne einige dunkel gekleidete Autonome mitlaufen, wird überbewertet. Die Demo war bewilligt und bunt zusammengesetzt, altersmässig wie von den Parteien her. Es haben sich alle wohl gefühlt. Auch zur Polizei hatten wir einen guten Kontakt.

Was können Sie mit der Kundgebung erreichen?

Rüdiger: Klar, das Symposium an der Universität verhindern oder abschaffen können wir nicht. Doch die HSG war aufgrund der Demo-Ankündigung gezwungen, Stellung zu nehmen. Zudem kennen viele Leute das Symposium oder seine Tragweite gar nicht. Die negativen Folgen des Wirtschaftssystems, das dort gestärkt wird, spüren nicht nur Griechenland oder Spanien, sondern auch wir. Im Kanton folgte ja in jüngster Zeit ein Sparpaket dem anderen, und Privatisierungen sind hoch im Kurs.

Ein HSG-Sprecher hat gesagt, man könne sich vorstellen, auch Kritiker, etwa aus der Juso, ans Symposium einzuladen. Würden Sie hingehen?

Rüdiger: Ich würde die Möglichkeit sicher nutzen. Allerdings ist das Symposium nicht der Ort für alternative Politik. Die Demo findet auf jeden Fall 2016 wieder statt – ob wir an die HSG eingeladen werden oder nicht.

Antisymposiumkundgebung am Samstag in St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Antisymposiumkundgebung am Samstag in St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

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