WESPENNESTER: Ungebetene Gäste: Freund oder Feind?

In den vergangenen zwei Monaten musste die Feuerwehr mehrfach wegen Wespenbauten ausrücken. Eine Vernichtung der Nester ist letztes Mittel, denn Wespen sind eigentlich Nützlinge.

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Schon fünfzehn Mal ist die Rorschacher Feuerwehr dieses Jahr ausgerückt, um Wespennester zu entfernen. Beim Sicherheitsverbund Rheineck-Thal-Lutzenberg, kurz SV-RTL, der gemeindeübergreifenden Feuerwehr, waren es bereits 48 Einsätze. «Vergangenes Jahr sind wir über 80-mal ausgerückt, um Wespennester zu vernichten», sagt Feuerwehrkommandant Enzo Termine. «Ich rechne damit, dass wir auch noch im August Einsätze fahren werden.»

Ob Rollladenkasten, Balkon oder Dachterrasse: Die unbeliebten Hautflügler suchen sich in ihrer Wohnungsnot öfters ungeeignete Orte für ihren Nestbau. Beste Abhilfe hat, wer den beginnenden Nestbau bereits früh erkennt. Dann kann noch mit ­Abdichtungen von Einschlupflöchern erfolgreich vorgegangen werden. Ist das Nest erst mal gebildet, können sich bis zu 7000 Arbeiterinnen darin befinden. Eine Entfernung ist dann schwierig – und nur unter Giftmitteleinsatz möglich.

Wohnungsnot im Tierreich

«Bei unseren Einsätzen klären wir als erstes immer ab, ob das Nest wirklich entfernt werden muss», erklärt der Kommandant der Feuerwehr Rorschach-Rorschacherberg, Edgar Kohlbrenner. «Wenn es irgendwie geht, schauen wir, dass das Nest allenfalls belassen werden kann und nicht zerstört werden muss. Ist es wirklich störend, etwa in der Nähe von Schlafzimmern und Sitzplätzen, wird es natürlich entfernt.»

Laut Kohlbrenner zähle das Jahr 2017 zu einem wespen­starken Jahr mit relativ vielen Einsätzen, in denen Wespennester ­entfernt werden müssen. Schwankungen von Jahr zu Jahr seien jedoch nichts Aussergewöhnliches.

Auffällig erscheint der erste Wespeneinsatz der Rorschacher Feuerwehr, der bereits Ende März erfolgte. Im zeitigen Frühjahr erwachen nämlich die Königinnen, die den Winter in einer Art Winterstarre unter Baumrinden, in Mauerspalten oder unter Moos verbracht haben. Normalerweise suchen sie sich Ende April ein neues Quartier und beginnen mit dem Nestbau. Der ungewöhnlich warme Frühling hat dieses Jahr aber die eine oder andere Königin sehr frühzeitig ausfliegen lassen. Durch immer seltener werdende naturnahe Mischwälder mit geeigneten Baumhöhlen weichen die staatenbildenden Wespen heute auf Dachböden, Gartenhäuschen oder Vogelkästen aus.

Die Vernichtung eines Wespennestes erfolgt entweder mit Pulver oder mittels Spray. «Eine Entfernung ist wesentlich leichter, wenn das Nest zugänglich und sichtbar ist. Bei unzugänglichen Behausungen müssen wir ein bis zwei Tage zuwarten, bis die Arbeiterinnen das eingesetzte Mittel, das an ihren Körpern haftet, ins Nest hineingetragen haben», erläutert Kohlbrenner. Eine vollständige Entfernung des Nestes ist allerdings nicht immer möglich. Termine erklärt: «Speziell wenn sich das Nest zwischen der Hausmauer und der Fassade befindet, kann es sein, dass die Wespen zwar beseitigt werden können, nicht aber das Nest. Dann muss sich der Besitzer wohl oder übel damit abfinden.»

Zusammenleben mit unerkanntem Nützling

Was viele nicht wissen: Wespen sind Nützlinge. Die Bienenverwandten sind sehr effiziente Insektenjäger, vertilgen zahllose Fliegen und Mücken und halten diese in Schach. Sie sind damit de facto natürliche Schädlingsbekämpfer. Wenngleich sie im Allgemeinen als stechlustige Plagegeister verrufen sind, werden sie von Biologen als friedliebende Tiere bezeichnet, die für gewöhnlich nur stechen, wenn sie wirklich bedrängt werden.

Ein weiterer landläufiger Irrtum ist, dass Wespen keinen Widerhaken am Stacheln hätten – so wie beispielsweise die Bienen. Doch sie besitzen ebenfalls einen solchen, können ihren Stachel aber wieder herausziehen, ohne zu sterben. Wahllos zustechen tun die Wespen deswegen trotzdem nicht, denn der Stachel dient nicht primär zur Feindabwehr, sondern zum Beutefang. Sie injizieren deshalb weniger Gift als Honigbienen, da sie sparsamer mit dem Lähmungsstoff umgehen müssen.

Christina Vaccaro

christina.vaccaro@tagblatt.ch