Wenn Glyzinien flirten

Vor vier Jahren begannen sie zu klettern, die Pflanzen am Rankgerüst auf dem Unteren Brühl. Von links und rechts breiteten sie sich über die Netze aus. Jetzt berühren sie sich erstmals.

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Vermählung auf dem Netz: Nach vier Jahren berühren sich zwei Chinesische Glyzinien erstmals auf dem Rankgerüst des Unteren Brühl. (Bild: Urs Jaudas)

Vermählung auf dem Netz: Nach vier Jahren berühren sich zwei Chinesische Glyzinien erstmals auf dem Rankgerüst des Unteren Brühl. (Bild: Urs Jaudas)

Es ist wie in der Weltpolitik. Auch auf dem Rankgerüst sind die Chinesen am schnellsten. Die ersten Pflanzen, die auf dem Unteren Brühl über das ganze Netz hin geklettert sind, heissen Wisteria sinensis (Chinesische Glyzinie). Diesen Herbst kann so etwas wie Vermählung gefeiert werden. Am westlichsten Bogen haben sich die Kletterpflanzen erstmals getroffen.

Respekt am Netz

An den weitern Bögen steht die Vermählung noch aus. Auch dies erinnert ein wenig an politische Gegebenheiten. An Bogen zwei und vier sollten nämlich eine Japanische und eine Chinesische Glyzinie aufeinander zuwachsen. Doch diese lassen sich Zeit. Noch scheinen sie einander nicht so recht zu trauen. In die Senkrechte sind alle Pflanzen rasch gewachsen, aufs Netz hinaus haben sie sich aber nur allmählich getraut. Doch der erste Zusammenschluss wird sicher Schule machen.

Von Frühling bis Herbst

Christoph Bücheler, Chef des Gartenbauamtes, freut sich, dass sich die Idee mit den Kletterpflanzen bewährt. Das immer mehr überwachsene Rankgerüst belebe den Unteren Brühl, teile ihn in zwei Bereiche ein, ohne ihn zu zerschneiden. Und zudem bieten die Ranken ein Naturschauspiel besonderer Art. Vor allem, weil an den Bögen zwölf verschiedene Pflanzen Kletterkunststücke zeigen: Nebst Glyzinien wachsen verschiedene Sorten von Akebia, Clematis, Reben, Rosen.

Das Ganze soll ein Bild ergeben, das sich von Frühling bis Herbst laufend verändert. Der pastellfarbene «Blauregen» der Glyzinien setzen den Frühlings-, die feuerroten Blätter der Jungfernreben den herbstlichen Akzent. Jede der zwölf Pflanzen überrascht mit eigenen Blüten und Früchten. Vom zierlichen Weiss der Waldrebe «Summer Snow» über das satte Gelb der Mongolischen Waldrebe bis zum dunkeln Rot der Akebia quinata, der Klettergurke.

Klettertechnik

Überraschend auch die technische Ausrüstung, die diese Pflanzen mitbringen: Beim Besuch des Rankgerüstes zeigt Christoph Bücheler die Kletterstrategien. Die Chinesische Glyzinie wickelt ihre Ranken konsequent nach links, wenn sie an einem Stab oder Draht Halt findet; die japanische dreht konsequent nach rechts. Die Rosen hängen mit den Dornen ein, Reben mit dem Blattstiel.

Pflanzen ranken sich auch am östlichen Schutzgitter des Sportplatzes empor, ebenso winden sie sich über die Träger bei der Osteinfahrt zur Parkgarage. Die Anlage gehört ins Gesamtkonzept, das das Büro Raderschall Landschaftsarchitekten für den Unteren Brühl erstellt hat, mit den Pflanzeninseln, Strauchpflanzungen und besondern Bäumen. Eine Sorte ist gerade jetzt am Blühen; sie trägt den poetischen Namen: «Sieben Söhne des Himmels».

Herausforderung für Ingenieure

Ursprünglich bestand die Absicht, über der Erweiterung der Parkgarage Brühltor Bäume zu pflanzen. Bei einer Humusschicht von 40 bis 80 Zentimetern fänden die Wurzeln gemäss Christoph Bücheler aber kaum Halt. Darum entschloss man sich zum Rankgerüst, dessen Planung für die Ingenieure eine besondere Herausforderung bedeutete. Unter anderem musste das Gewicht der wachsenden Pflanzen berechnet werden. Genau wie das Verhalten der Netze bei starkem Wind oder die maximal mögliche Schneelast im Winter.

Josef Osterwalder

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