Wenn die Statik das Programm festlegt

Mega-Spendenevent «Jeder Rappen zählt» am Donnerstagabend auf dem St. Galler Marktplatz: Hunderte sind gekommen, um 77 Bombay Street auf der Freiluftbühne zu hören. Das Bild erinnert ein bisschen ans OpenAir im Sittertobel. Die Fans stehen dicht gepackt.

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Die grünen Markthäuschen als Tribüne fürs Konzertpublikum. (Bild: Reto Voneschen)

Die grünen Markthäuschen als Tribüne fürs Konzertpublikum. (Bild: Reto Voneschen)

Mega-Spendenevent «Jeder Rappen zählt» am Donnerstagabend auf dem St. Galler Marktplatz: Hunderte sind gekommen, um 77 Bombay Street auf der Freiluftbühne zu hören. Das Bild erinnert ein bisschen ans OpenAir im Sittertobel. Die Fans stehen dicht gepackt. Hier einfach nicht im Schlamm, sondern auf Pflastersteinen. Was auch eher dem gebotenen Ohrwurm-Schmusepop entspricht.

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Dass der Marktplatz heute nur sehr bedingt für Veranstaltungen geeignet ist, die die Massen anziehen, wissen Städter schon lange. Und der Donnerstagabend hat das einmal mehr bewiesen. Der freie Platz auf diesem Platz ist einfach zu knapp. Eine grosse Freifläche fehlt. Da kann man die Bühne drehen und wenden, wie man will.

Die im Schnitt ziemlich jungen Besucherinnen und Besucher des 77-Bombay-Street-Auftritts brachte das nicht in Verlegenheit. Sie behalfen sich so, wie sich schon unsere voll behaarten Vorfahren behalfen, wenn sie den Überblick behalten wollten. Sie kletterten. Unsere Ahnen vor Jahrtausenden auf Bäume oder Felsen, ein Teil des Konzertpublikums am Donnerstag auf die grünen Markthäuschen. Was bei über fünfzig Jahre alten Holzkonstruktionen nicht ohne Risiko ist.

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Das Konzert war also nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch ein Wink an die Stadt und die Politik, die derzeit ja gemeinsam am zweiten Anlauf für die Marktplatz-Neugestaltung basteln. Egal, was mit dem ständigen Markt geschieht, der zentrale Platz der Stadt muss auch für grössere Anlässe tauglich gemacht werden. Und zwar ohne dass man ständig Angst haben muss, dass ein Besucher abstürzt und sich das Genick bricht. Aber auch so, dass sich (Konzert-)Publikum und Stadtbusse nicht dauernd auf der Strasse ins Gehege kommen.

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Passiert ist am Donnerstagabend nichts. Mindestens lagen gestern keine Meldungen über Abstürze vom Markthäuschen oder eingestürzte Hüttendächer vor. Mit ein Grund war sicher das Programm. Das Publikum von 77 Bombay Street gab sich nämlich überaus sanft. Ein bisschen Wippen, ein bisschen Winken, ein Küsschen fürs Schätzchen – das war das höchste an Gefühlsausbrüchen. Man genoss eher still.

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Das liess mindestens einen am Rand der Veranstaltung sichtlich aufatmen. Als er die Leute auf den Hüttendächern gesehen habe, sei ihm zuerst angst und bang geworden, gab Bausekretär und OpenAir-Veteran Fredi Kömme zu Protokoll. Die «sanfte Band», die da am Werk gewesen sei, hätten die Markthäuschen dann gut ausgehalten.

Womit klar ist: Die Statik des Marktes gibt die Grenzen dessen vor, was auf dem Marktplatz musikalisch möglich ist. Vor der Neugestaltung also bitte nicht mit einer Band mit noch grösserer Fangemeinde erscheinen, die die Massen dann auch noch in Ekstase versetzt. Ausser, man plane den musikalisch untermalten Abbruch der maroden Markt-Infrastruktur. (vre)